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Reihe: Gezeitenbuch · Teil 2 von 3

Gezeitenbuch – Teil 2: Die Frage am Freitag

Die Frage kam am Freitag, um halb eins, als Mirjam gerade ihr Brot auspackte. Thea stand in der Tür der kleinen Halle, die Hände in den Taschen, und sah aus wie eine Frau, die zum Zahnarzt geht.

„Sie essen jetzt“, sagte sie.

„Das hatte ich vor.“

„Ich weiß. Ich wollte nur ...“ Thea stockte, trat ein und schloss die Tür. Das Geräusch der Werft verschwand. „Dürfte ich Ihnen eine Frage stellen, die vielleicht unverschämt ist?“

„Seit wann fragen Sie, bevor Sie fragen?“

„Seit Mittwoch.“ Thea setzte sich auf einen Hocker, der zu niedrig war für ihre langen Beine. „Mein Großvater hat geschrieben, wer führt, müsse lernen, geführt zu werden. Ich habe zwei Nächte darüber nachgedacht. Und ich glaube, ich habe das falsch gemacht. Mein ganzes Leben. Ich habe geführt, weil ich Angst hatte, was passiert, wenn ich es nicht tue.“

Mirjam legte das Brot hin. „Und die Frage?“

„Würden Sie mich ... führen? Nicht immer. Nicht überall. Nur, damit ich weiß, wie es sich anfühlt.“

Es war der Moment, den Mirjam sich seit dem Zeilenfund ausgemalt hatte, in hundert Varianten. In keiner hatte sie so ruhig dagesessen, die Hände auf den Knien, mit dem Gefühl, dass der Boden unter ihr gleichmäßig atmete.

„Ich bin nicht gerade eine Naturgewalt“, sagte sie. „Ich bin eine Frau, die um halb eins isst.“

„Das ist ein Anfang.“

„Wissen Sie, was ich unter führen verstehe?“ Mirjam lehnte sich zurück. „Ich verstehe darunter, dass einer von uns die Verantwortung übernimmt, damit die andere sich fallen lassen kann. Das ist keine Macht. Das ist ein Dienst. Und ich diene nur, wenn ich weiß, dass jemand Nein sagen darf.“

„Ich darf Nein sagen?“

„Sie müssen sogar. Sonst mache ich nicht mit.“

Thea nickte langsam. Dann geschah etwas Seltsames: Sie zog ein zerknittertes Blatt aus der Hemdtasche, entfaltete es und legte es auf den Tisch wie eine Seekarte.

„Ich habe schon einmal angefangen“, sagte sie.

Es war eine Liste, in ihrer eckigen Hand. Oben stand: Dinge, die ich nicht will. Darunter acht Punkte: Beleidigungen. Alles, was Spuren hinterlässt, die man im Büro sieht. Fesseln, die ich nicht selbst lösen kann. Dass jemand lacht, wenn ich zittere ...

„Das ist die beste Liste, die ich je gelesen habe“, sagte Mirjam. „Eine Frau, die weiß, was sie nicht will, weiß auch bald, was sie will.“

„Und was wollen Sie?“

Mirjam überlegte. „Zeit. Dass Sie jeden Tag um fünf zu mir kommen und sagen, wie der Tag war, ehrlich, auch wenn er grau war. Dass Sie mir die Schlüssel zum Büro geben, einfach so, als Zeichen. Und dass Sie mich nicht mit Kuchen bestechen.“

Thea lachte. „Der Kuchen war ein Notfall.“

„Der Kuchen war nett.“ Mirjam griff ihre Hand, zum ersten Mal, und drehte sie um, als läse sie das Papier. „Wir fangen klein an. Morgen Abend. Bei mir. Sie kommen um sieben, Sie bringen nichts mit, und ich sage Ihnen, was Sie tun. Zum Beispiel: sitzen. Zum Beispiel: nichts reparieren.“

„Das ist ein furchtbares Programm.“

„Sie dürfen jederzeit abbrechen. Sagen Sie einfach ...“

„Hochwasser“, sagte Thea. „Das Wort für Stopp. Das ist mein Wort.“

Am Samstag stand sie pünktlich vor Mirjams Wohnung, in einem sauberen Hemd und mit feuchten Händen. Mirjam öffnete in Strickjacke und Wollsocken und deutete auf einen Stuhl.

„Setz dich.“

Thea setzte sich. Sie beobachtete, wie Mirjam Teewasser aufsetzte, wie sie Kerzen anzündete, und wunderte sich über das, was in ihr geschah: nichts. Keine Liste. Kein Plan. Nur ein tiefes, ungewohntes Warten.

„Gut“, sagte Mirjam und stellte ihr eine Tasse hin. „Und jetzt erzähl mir von deinem Vater.“

Thea erstarrte. Ihre Finger schlossen sich um die Tasse.

„Das war nicht Teil der Liste“, sagte sie.

„Nein. Das war meine Frage.“

Und zum ersten Mal an diesem Abend sagte Thea nichts.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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