
Symbolbild
Reihe: Gezeitenbuch · Teil 1 von 3Gezeitenbuch – Teil 1: Der Einband
Thea Brandes Werft lag am Ende einer Straße, die im Winter überschwemmte und im Sommer nach Teer roch. Drei Hallen, ein Kran, ein Steg, an dem zwei Segelboote auf ihre Lackierung warteten. Und ein Büro, in dem Thea mit vierundvierzig Jahren und einem Kaffee, der längst kalt war, den Kopf über Rechnungen hielt.
„Sie sind die Frau mit dem Buch“, sagte sie, ohne aufzusehen, als die Tür aufging.
„Ich bin die Frau mit dem Werkzeug“, sagte Mirjam. „Das Buch sind Sie.“
Thea hob den Kopf. In der Tür stand eine Frau Anfang vierzig, klein, kräftig, mit Zopf und einer Ledertasche, aus der Falzbeine und Pinsel lugten. Sie lächelte, als hätte sie gerade jemanden bei einem Fehler erwischt.
„Mirjam Köhler, Buchrestauratorin. Sie haben angerufen wegen des Logbuchs.“
„Meines Großvaters.“ Thea stand auf und zog aus dem Safe, der eigentlich ein umgebautes Spind war, ein dickes, graues Bündel in Wachspapier. „Der Einband zerfällt. Und die Seiten ... ich weiß nicht. Ich habe Angst, es überhaupt aufzuschlagen.“
„Das ist normal.“ Mirjam legte die Handschuhe an und schlug das Papier zurück, sehr langsam, wie man einer Katze die Pfote reicht. Das Leder war brüchig, die Ecken aufgeworfen. Auf dem Rücken stand in verblasster Goldschrift Gezeitenbuch.
„Er hat jede Fahrt eingetragen“, sagte Thea. „Dreißig Jahre. Wasserstände, Wind, wer an Bord war. Und manchmal, wenn er schlecht gelaunt war, einen Satz über die Welt.“
„Dann ist es ein Tagebuch.“
„Es ist ein Befehlsbuch. Mein Großvater hat es auch so genannt.“
Mirjam sah sie an. Thea trug ein verwaschenes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, kräftige Unterarme, eine Narbe am Kinn, die sie wie einen Orden hielt. Sie war eine Frau, die gewohnt war, dass Dinge auf ihr Wort hin geschahen. Es lag in der Art, wie sie dastand, und in der Art, wie sie ihre Stimme senkte, wenn sie etwas erwartete.
„Ich brauche drei Wochen“, sagte Mirjam. „Und ich arbeite am liebsten allein. Aber ich muss das Buch bei mir haben.“
„Nein.“
„Nein?“
„Es verlässt die Werft nicht.“ Es klang härter als beabsichtigt, und Thea fuhr sich durch das kurze graue Haar. „Verzeihung. Ich ... bin das nicht gewohnt. Dass etwas weggeht.“
„Dann arbeite ich hier“, sagte Mirjam freundlich. „In der kleinen Halle, wenn Sie mir einen Tisch geben. Aber ich stelle Bedingungen.“
Thea hob eine Augenbraue. Es war lange her, dass jemand ihr Bedingungen gestellt hatte, ohne zu zögern. „Ich höre.“
„Ich esse um halb eins, egal was passiert. Wenn ich arbeite, will ich in Ruhe gelassen werden. Und wenn Sie mir etwas befehlen, sagen Sie bitte, warum.“
„Ich befehle nie.“
Mirjam lächelte. „Das haben Sie gerade dreimal getan.“
Thea öffnete den Mund und schloss ihn. Dann lachte sie, überrascht und tief, und das Büro wurde auf einmal sehr klein.
Die erste Woche arbeiteten sie nebeneinander, ohne sich zu stören. Mirjam löste vorsichtig Lagen vom Rücken, Thea schliff Planken und fand immer neue Gründe, in die kleine Halle zu schauen. Einmal brachte sie Tee. Einmal ein Stück Kuchen, das sie „zufällig“ übrig hatte. Mirjam bedankte sich jedes Mal mit demselben schiefen Blick.
Am Donnerstag löste sie die Vorsatzseite ab und hielt plötzlich still.
„Thea.“
„Ja?“
„Kommen Sie, bitte.“
Auf der Innenseite des Einbands, unter der losgelösten Schicht, war eine Zeile mit Bleistift geschrieben. Die Schrift war steil, ungeduldig, die eines alten Mannes, der etwas loswerden musste:
Wer führt, muss lernen, geführt zu werden, sonst fährt er sich fest.
Thea las es zweimal. Ihr Gesicht veränderte sich, kaum merklich.
„Das steht nicht in dem Buch, das ich kenne“, sagte sie rau.
„Es stand darunter versteckt.“ Mirjam sah sie nicht an, sondern die Zeile. „Ihr Großvater wusste offenbar mehr, als er zugegeben hat.“
Draußen schlug das Wasser gegen den Steg. Thea blieb stehen, bis das Licht am Fenster orange wurde, und Mirjam ließ sie. Erst als sie ging, sagte sie, ohne sich umzudrehen: „Morgen bringe ich Ihnen kein Stück Kuchen. Morgen stelle ich Ihnen eine Frage.“
Mirjam legte den Pinsel hin. Ihr Herz schlug schneller, und sie hatte keine Ahnung, ob aus Angst oder aus Freude.


