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Queer

Die Stimme und das Seil

Ruben war Sprecher von Beruf und hasste es, wenn jemand ihm sagte, er habe eine schöne Stimme. Er hatte sie sich erarbeitet, Jahr für Jahr, Ton um Ton, seit er mit einunddreißig begonnen hatte, sein Leben in die richtige Richtung zu drehen. Heute, mit zweiundvierzig, saß sie tief und dunkel in seiner Brust, und doch zuckte er jedes Mal innerlich, wenn jemand sie lobte.

„Du hörst dich selbst nie zu, oder?“, sagte Lioba.

Sie saßen auf dem Dielenboden von Liobas Wohnung, zwischen Teetassen und Kisten voller Seile, die in Schlaufen lagen wie schlafende Tiere. Lioba war neununddreißig, nicht-binär, Bühnenbildner:in, mit Händen voller Narben von Holz und Draht und einem Lächeln, das jede Skepsis auflöste.

„Ich höre mir den ganzen Tag zu“, sagte Ruben. „Das ist mein Job.“

„Du hörst dich prüfen. Das ist etwas anderes.“ Lioba nahm ein Stück braunes Seil, ungefähr fünf Meter, weich vom vielen Gebrauch, und ließ es durch die Finger gleiten. „Ich möchte dir etwas zeigen. Es hat mit Händen zu tun und mit Stimme, und du bestimmst das Tempo.“

„Das klingt nach einem Kurs.“

„Es ist ein Kurs. Mit einem einzigen Schüler und sehr wenig Theorie.“

Sie erklärten sich zuerst gegenseitig die Regeln. Lioba erzählte von einem Handgriff, mit dem sich jeder Knoten in einer Sekunde lösen ließ, und legte eine Schere neben das Sofakissen, für den Notfall. Ruben nannte ein Wort, falls ihm alles zu viel wurde: Kaffeepause. Es sollte so albern sein, dass es nie jemand versehentlich sagte.

„Und dann?“, fragte Ruben.

„Dann setzt du dich hin. Die Hände in den Schoß.“ Lioba kniete sich hinter ihn. „Und du erzählst mir etwas. Irgendetwas. Aus dem Buch, das du gerade aufnimmst.“

Er räusperte sich. Es war ein historischer Roman über eine Leuchtturmwärterin, und er hatte den ersten Absatz heute Morgen viermal wiederholt, weil ihm der Ton nicht gefiel. Jetzt begann er zu lesen. Er hörte das Seil, wie es sanft über seine Unterarme fuhr, hörte Liobas ruhigen Atem im Nacken, und die erste Schlinge legte sich um sein Handgelenk. Fest genug, um zu halten. Locker genug, um zu leben.

„Weiter“, sagte Lioba.

Ruben las weiter. Bei jedem Satz zog sich das Seil ein kleines Stück, nicht schmerzhaft, nur klar. Und mit jedem Satz wurde seine Stimme länger, tiefer, ruhiger, als hätte jemand in ihm einen Raum aufgemacht, in dem sie endlich Platz fand.

„Hörst du das?“, flüsterte Lioba an seinem Ohr.

„Was?“

„Dass du nicht prüfst. Du trägst.“

Er hielt inne. Seine Hände lagen in einer weichen Schlinge, und er spürte, wie sein Herz langsam wurde. Er hatte jahrelang um diese Stimme gekämpft, hatte jeden Ton einzeln erobert, und jetzt, in einem Seil, im Halbdunkel, an der Seite eines Menschen, der ihm einfach zuhörte, war sie schlicht seine.

„Gelb?“, fragte Lioba.

„Nein“, sagte Ruben, und seine Stimme brach nicht. „Grün. Lies mir auch etwas vor.“

Lioba lachte leise, und es klang wie warmes Holz. „Ich kann nicht vorlesen.“

„Dann improvisierst du.“

Und so erzählte Lioba ihm, zwischen den Knoten, vom Bühnenbild eines Stücks über ein Haus, das am Meer stand und von den Bewohnern nicht verlassen werden wollte. Ruben schloss die Augen, hörte zu, und seine Schultern, die so lange hochgezogen gewesen waren, sanken.

Eine Stunde später löste Lioba die Schlinge, Windung um Windung, und rieb mit beiden Daumen über die Haut an seinen Handgelenken, bis das Blut zurückkam.

„Kaffeepause?“, fragte Lioba.

„Ja“, sagte Ruben. „Aber danach lese ich dir das ganze Buch vor. Und ich will nicht, dass du das Seil abräumst.“

„Das ist ein Angebot, das ich nicht ablehne.“

Draußen fing es an zu regnen. Drinnen füllte eine tiefe, ruhige Stimme den Raum, und niemand korrigierte sie.

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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