
Symbolbild
QueerDer Seidenschal auf dem Dach
Die Dachterrasse über der alten Druckerei war in der Pride-Woche zum bunten Bienenstock geworden. Lichterketten, ein DJ, der zu laut Schlager mischte, Kinder von Freundinnen, die schon müde auf Sitzsäcken hingen, und überall Fahnen, an denen jemand mit Edding Namen geschrieben hatte.
Elif lehnte am Geländer und trug einen Seidenschal in Pflaume um den Hals, den sie eigentlich für ihren Vortrag am Montag gekauft hatte. Sie war vierunddreißig, Verlegerin, eine Frau mit rauchiger Stimme und dem Ruf, bei Festen nach einer Stunde zu verschwinden.
„Das ist ein sehr interessanter Schal“, sagte jemand neben ihr.
Die Frau war größer als sie, mit kurzen blonden Haaren und einer Sonnenbrille, die sie im Dunkeln nicht abgesetzt hatte. Sie hielt ein Glas Holunderschorle, als wäre es ein Spazierstock.
„Das ist ein Schal für Mutige“, sagte Elif.
„Ich bin Femke. Und ich bin nicht mutig, ich bin nur hier, weil meine Schwester behauptet hat, ich müsste mal raus.“ Sie nahm endlich die Brille ab. Darunter waren graue, wache Augen, die Elif länger ansahen, als es für ein Gespräch über Schals nötig war. „Aber ich bin neugierig.“
„Auf den Schal?“
„Auf die Frau, die ihn trägt wie eine Drohung.“
Elif lachte laut. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. „Dann machen wir ein Spiel“, sagte sie. „Bis Mitternacht. Ich sage dir, was ich vorhabe, und du sagst Ja oder Nein. Jedes Mal. Auch wenn es um eine Kleinigkeit geht.“
„Was für ein Spiel ist das?“
„Eins, bei dem du nichts verlierst. Höchstens die Fassung.“
Femke trank einen langen Schluck. „Erste Frage.“
„Darf ich dir den Schal um das Handgelenk binden? Nicht fest. Nur, damit du weißt, wohin du gehörst, wenn ich dich durch diese Menge ziehe.“
Es war so still zwischen ihnen, dass sogar der Schlager kurz zu schweigen schien. Dann streckte Femke den Arm aus. „Ja.“
Elif löste den Schal, legte ihn zweimal um das schmale Handgelenk und knotete ihn mit zwei geübten Griffen, locker genug, dass ein Kind ihn hätte öffnen können. Sie hielt das lose Ende zwischen zwei Fingern, und Femke atmete hörbar aus.
„Zweite Frage. Darf ich dich vorstellen, als gehörtest du mir?“
„Nur für heute Abend?“
„Nur für heute Abend.“
„Ja“, sagte Femke, und ihre Stimme hatte etwas Heiseres bekommen. „Aber du musst mit Haltung lügen.“
Elif führte sie durch die Menge, an Fahnen und Konfetti vorbei, bis zu einer Gruppe Frauen, die gerade über eine Verlagsabrechnung stritten. „Das ist Femke“, sagte sie ruhig, die Hand locker am Schal. „Sie begleitet mich heute. Sie ist sehr brav.“
Femke senkte den Blick, aber ihre Mundwinkel zuckten, und Elif spürte durch den Stoff den Puls an ihrem Handgelenk, schnell und ehrlich.
Gegen elf holte sie zwei Becher Wasser und stellte einen davon in Femkes freie Hand. „Trink. Nicht verhandelbar.“
„Ja, Chefin.“
„Frage drei“, sagte Elif leiser, am Rand der Terrasse, wo das Licht schwächer wurde. „Möchtest du das Spiel nach Mitternacht weiterspielen? Nicht hier. Bei mir. Mit Tee, mit Musik, und mit den Regeln, die du dir aussuchst.“
Femke schaute auf den Schal an ihrem Arm, dann auf die Stadt unter ihnen, ein Meer aus Lichtern und Fahnenzipfeln. „Ich habe nie gedacht, dass es sich so anfühlen kann“, sagte sie. „Gehalten zu werden und trotzdem frei zu sein.“
„Genau das ist der Trick.“
„Dann ja.“
Um Mitternacht verließen sie die Dachterrasse, der pflaumenfarbene Schal zwischen ihnen gespannt wie ein leises Versprechen. Der DJ spielte gerade das schlimmste Lied des Abends. Keine von beiden hörte es.


