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Queer

Vierundzwanzig Jahre und eine Augenbinde

Das Paket lag seit drei Tagen im Wäscheschrank, unter den Handtüchern, die Merle nie benutzte. Sie hatte es online bestellt, mit hochroten Ohren, und die Verpackung am Küchentisch angeschaut, als könnte sie jeden Moment zu reden anfangen.

Zum Hochzeitstag, dem vierundzwanzigsten, hatte sie sich etwas vorgenommen. Nicht Blumen. Nicht das Restaurant mit den kleinen Portionen. Sie wollte Sanne etwas geben, das mit Ehrlichkeit zu tun hatte.

„Du bist so still“, sagte Sanne am Samstagabend und stellte zwei Teller auf den Tisch. Sie war neunundvierzig, Hebamme, mit Händen, die in jeder Lage wussten, was zu tun war. „Du hast den Kartoffelsalat dreimal gewendet.“

„Ich denke nach.“

„Das sieht gefährlich aus.“

„Ist es auch.“ Merle schob den Teller beiseite. Sie war zweiundfünfzig, Lehrerin für Mathematik, und hatte sich in ihrem Leben vor wenig gefürchtet, außer vor dem Moment, in dem man einen Satz anfängt, den man nicht mehr zurücknehmen kann. „Ich möchte dir etwas zeigen. Und du darfst Nein sagen. Ohne Begründung, ohne Diskussion, ohne dass ich beleidigt bin.“

„Du bist jetzt schon beleidigt.“

„Ich bin nervös.“

Sanne legte die Gabel hin. Zwischen ihnen lag ein ganzes Leben: zwei Umzüge, eine Katze, drei zähe Winter mit Merles kranker Mutter, ein Sommer, in dem sie sich fast getrennt hätten, und dann ein Winter, in dem sie sich neu verliebt hatten, in der Küche, bei einem Streit über Zimtschnecken.

Merle ging zum Wäscheschrank und kam mit dem Paket zurück. Es war nicht größer als ein Schuhkarton. Sanne öffnete es mit der Sorgfalt, mit der sie Neugeborene wog, und hielt dann eine Augenbinde in der Hand, schwarz, aus Satin, gefüttert.

Eine Weile sagte niemand etwas.

„Ich habe das“, sagte Merle hastig, „im Netz gelesen, und ich dachte, wir könnten vielleicht, nur für einen Abend, du bleibst bei mir und ich übernehme. Alles. Das Essen, die Musik, wann du dich bewegst. Dafür musst du nichts tun. Nur vertrauen. Und wenn du Rot sagst, höre ich auf. Sofort.“

„Rot?“

„Wie eine Ampel. Gelb heißt langsamer. Grün heißt weiter.“

Sanne betrachtete die Binde, dann ihre Frau. „Du hast mir das aufgeschrieben, oder?“, sagte sie sanft. „Die Ampelfarben. Auf einen Zettel.“

Merle zog ihn schweigend aus der Hosentasche. Es war ein kariertes Blatt, dreimal gefaltet, mit sauberer Mathematiklehrerinnenschrift.

„Ich liebe dich“, sagte Sanne, und ihre Augen glänzten. „Du bist die einzige Frau, die einen Antrag auf Karopapier stellt.“

„Heißt das Ja?“

„Das heißt: Gib mir die Binde.“

Merle band sie ihr um, vorsichtig, die Finger ein wenig zittrig, und strich ihr die grauen Strähnen aus der Stirn. Sanne saß aufrecht, die Hände im Schoß, und lächelte unsicher. „Sag was“, bat sie.

„Du hast heute nichts zu entscheiden“, sagte Merle leise. „Nur zu atmen. Ich führe dich.“

Sie nahm Sannes Hand und hob sie an. Die Haut roch nach Seife und Kräutern. Sie führte sie ins Wohnzimmer, ließ sie auf dem Sofa Platz nehmen und schaltete die Musik ein, ihr altes Lied, das erste, das sie je gemeinsam gehört hatten. Dann kniete sie sich vor sie hin, zog ihr die Schuhe aus und streichelte langsam die Fußsohlen mit dem Daumen, wie man etwas Kostbares vermisst.

„Gelb?“, fragte sie nach einer Minute.

„Grün“, flüsterte Sanne. „Dunkelgrün. Wald.“

Merle musste lachen, mitten in ihrer Rührung. Dann beugte sie sich vor und küsste die Stelle über dem Knöchel, und Sanne seufzte, als hätte jemand in ihr ein Fenster geöffnet, das seit Jahren geklemmt hatte.

Später, als der Kartoffelsalat längst warm geworden war, sagte Sanne in die Dunkelheit der Binde: „Nächstes Jahr bin ich dran.“

„Das ist ein Versprechen.“

„Das ist eine Drohung“, sagte Sanne, und Merle küsste sie, bis sie aufhörte, so zu tun.

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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