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Reihe: Gezeitenbuch · Teil 3 von 3

Gezeitenbuch – Teil 3: Hochwasser

„Hochwasser“, hatte Thea gesagt, nachdem sie zwanzig Minuten lang auf ihre Hände gestarrt hatte. Das Wort kam heiser, fast ein Hauch. Mirjam hatte sofort die Tasse genommen, die Kerze gelöscht und das große Licht angeschaltet, ohne eine einzige Frage.

„Danke“, hatte sie gesagt. „Das war richtig. Du hast es perfekt gemacht.“

Thea war trotzdem gegangen. In der Nacht stand sie auf dem Steg ihrer Werft und redete mit dem Wasser, wie ihr Großvater es getan hatte. Sie hatte ihrem Vater nie verziehen, dass er jeden Fehler laut gezählt hatte, und sich selbst nie, dass sie genauso geworden war: eine Frau, die vorausging, damit niemand ihr nachrufen konnte.

Am Sonntag arbeitete sie, wie jeden Sonntag. Am Montag auch. Am Dienstag hörte sie die Tür der kleinen Halle und wusste, dass es Mirjam war, bevor sie sich umdrehte.

„Ich bin fertig“, sagte Mirjam. „Das Buch ist fertig.“

Das Gezeitenbuch lag auf dem Tisch, in neuem, dunkelblauem Leder, das Gold auf dem Rücken frisch nachgezogen. Thea berührte es mit zwei Fingern. Es roch nach Leim und Salzluft und nach etwas, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte: Heimkehr.

„Es ist wunderschön“, sagte sie. „Und ich habe es ruiniert. Den Abend. Alles. Ich hätte dir von meinem Vater erzählen sollen, aber ich habe ...“

„Thea.“

„... ich habe Hochwasser gesagt, weil ich nicht wusste, wohin mit mir.“

„Thea.“ Mirjam trat ihr gegenüber und legte beide Hände auf ihre Schultern, fest genug, dass sie stehen blieb. „Das Wort ist ein Geschenk. Du hast mir damit gezeigt, dass ich dir trauen kann. Wer so ein Wort sagt und gehört wird, hat nichts ruiniert. Er hat angefangen.“

Thea sah sie an. Zum ersten Mal in ihrem Leben ließ sie Tränen zu, ohne sie zu verstecken. Mirjam wartete, ohne zu drängen. Sie hatte gelernt, dass man ein gerissenes Papier nicht mit Gewalt zusammenschiebt, sondern es Faser für Faser wieder verbindet.

„Ich möchte dir etwas geben“, sagte sie schließlich. „Dreh dich um.“

Thea gehorchte. Mirjam holte aus ihrer Tasche eine Kordel, blau und weich, nicht länger als ein Arm. Sie legte sie Thea locker um das linke Handgelenk, zweimal, und verknotete sie mit einem einfachen Knoten, den ein Kind hätte lösen können.

„Was ist das?“

„Das ist eine Leine. Nur im übertragenen Sinn. Sie hält nichts fest, was nicht bleiben will. Aber wenn du heute Abend durch meine Tür gehst, trägst du sie, und ich weiß, dass du mir gehörst. Für diese Nacht. Mit all dem, was du mir von deinem Vater erzählen willst, und all dem, was du verschweigen darfst.“

„Und wenn ich Hochwasser sage?“

„Dann ziehe ich die Leine ein, und wir sitzen beieinander, bis die Flut vorüber ist.“ Mirjam schmunzelte. „Ich habe Zeit. Ich habe jahrelang Bücher geflickt.“

Thea lachte, schluchzte, lachte wieder. Sie zog Mirjam an sich, und so standen sie, mitten in der Halle, mit dem Geruch von Leder und Holz um sich herum, und das Wasser am Steg schlug einen ruhigen Takt.

Am Abend kam sie um sieben, pünktlich, ohne Kuchen. Mirjam hatte Suppe gekocht und einen Platz am Tisch gedeckt, der zu niedrig war, damit Thea nicht aus alter Gewohnheit wieder die Gastgeberin spielte. Sie aß still. Sie ließ sich die Haare aus der Stirn streichen und spürte, wie das Gewicht, das sie jahrzehntelang getragen hatte, Gramm für Gramm abfiel.

Später, auf dem Sofa, schlug Mirjam das Gezeitenbuch noch einmal auf. Auf der letzten beschriebenen Seite war eine freie Zeile, die Thea nie bemerkt hatte.

„Willst du?“, fragte Mirjam und reichte ihr den Bleistift.

Thea schrieb, mit zittriger, aber klarer Hand:

Heute geführt worden. Und endlich angekommen.

Draußen stieg das Wasser, wie es jede Nacht stieg, und trat leise wieder zurück.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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