
Symbolbild
Reihe: Wand an Wand · Teil 2 von 3Wand an Wand – Teil 2: Das eingestrichene A
Der Wein war ein Weißer aus der Gegend, hell und etwas zu kalt, und Jonathan hatte zwei Gläser mitgebracht, die nicht zusammenpassten. Eins hatte einen Stiel, das andere nicht.
„Ich lasse Ihnen die Wahl“, sagte er.
„Ich nehme das ohne Stiel“, sagte Marlene. „Wenn ich es fallen lasse, tut es weniger weh.“
„Sie rechnen mit dem Fallenlassen?“
„Ich rechne immer mit allem. Das ist mein Beruf.“
Sie saßen auf ihrer Seite der Terrasse, er auf einem Klappstuhl, den er über das Geländer gereicht hatte, sie auf der Mauer. Das Licht wurde orange, dann rosa, dann das lila Grau, das in diesem Land nur eine halbe Stunde dauert. Unter ihnen schlug irgendwo ein Fensterladen zu, und eine Frauenstimme rief einen Namen, der nach Kind klang.
„Warum das eingestrichene A?“, fragte sie.
„Weil es der Kammerton ist. Von ihm hängt alles andere ab. Wenn er nicht stimmt, ist jeder Akkord ein bisschen gelogen.“ Er drehte sein Glas in den Händen. „Ich habe mal drei Jahre lang mit einem Flügel gelebt, bei dem er schief war. Ich habe es gewusst und habe jeden Abend darauf gespielt. Es war ein sehr gutes Gleichnis für meine Ehe.“
Marlene lächelte, ohne zu fragen. Sie hatte gelernt, dass die besten Geschichten von allein kommen, wenn man ihnen Platz lässt.
„Und Ihr Gleichnis?“, fragte er.
„Ich übersetze, damit andere Menschen sagen können, was ich selbst nie gesagt habe.“
„Sagen Sie es mir jetzt.“
Sie sah ihn an. Er hatte nicht gedrängt, nicht einmal die Stimme gesenkt, aber irgendetwas an der Art, wie er wartete, war eine Aufforderung. Es war das Warten eines Mannes, der ein Instrument kannte und wusste, dass man es nicht überstürzen durfte.
„Ich bin seit zwei Jahren allein“, sagte sie. „Und ich habe keine Lust mehr, so zu tun, als wäre mir das lieber.“
Das Meer machte ein sehr leises Geräusch. Jonathan stellte sein Glas ab.
„Darf ich etwas schreiben?“, fragte er.
„Jetzt?“
„Ich kann besser schreiben als sprechen.“
Sie lachte, überrascht, und reichte ihm den Kugelschreiber aus ihrer Tasche. Er schrieb auf die Rückseite eines Weinetiketts, das er vorsichtig abgelöst hatte, und schob es ihr hin.
Ich möchte Sie küssen. Aber ich möchte es nicht tun, bevor Sie mir gesagt haben, dass Sie es wollen. Ich habe zu lange Menschen überrumpelt, die es mir nie verziehen haben.
Sie las es einmal. Dann sah sie ihn an, und weil das Etikett klein war und ihre Handschrift groß, schrieb sie nur ein Wort darunter, das ganz alleine am Rand stand.
Morgen.
„Morgen?“ Er hob eine Augenbraue.
„Ich habe zwei Jahre gewartet. Ich möchte es mir nicht in einer halben Stunde verderben.“ Sie stand auf, das Glas ohne Stiel in der Hand. „Morgen Abend. Und bringen Sie nicht wieder ein so schlechtes Glas mit.“
Er blieb sitzen, lachend, mit einem Gesicht, das sie später als das schönste des ganzen Urlaubs beschreiben würde.
In der Nacht lag sie wach. Hinter der Wand, ganz leise, war ein Ton zu hören. Er wurde angeschlagen, hielt, verklang. Dann kam ein zweiter, ein dritter, und sie erkannte die Melodie, die er vorhin pfeifen wollte und nicht geschafft hatte. Er spielte sie ihr zu.
Sie legte die Handfläche an den Putz. Er war kühl. Aber irgendwo darunter, dachte sie, war er warm, und auf der anderen Seite lag eine Hand, die dasselbe tat.
Am Morgen steckte unter ihrer Tür ein Umschlag. Darin lag ein Schlüssel und ein einziger Satz.
Der zum Salon. Abends gehört das Klavier uns.
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