Erotik

Fünfzehn Jahre und ein Tanz

Greta erkannte ihn an den Schultern. Nicht am Gesicht, das hatte sich verändert, war ernster, kantiger geworden, mit einem Bartschatten, den es früher nicht gegeben hatte. Aber die Schultern, die sich unter dem dunklen Anzug leicht nach vorn neigten, wenn er jemandem zuhörte, die erkannte sie sofort.

Die Hochzeit fand in einem alten Gutshaus statt, mit Lampions im Apfelbaum und einer Kapelle, die zu viel Akkordeon spielte. Greta hatte sich fest vorgenommen, nur zwei Stunden zu bleiben. Sie hatte sich allerhand vorgenommen. Zum Beispiel, nie wieder an den Sommer in Lissabon zu denken.

„Du hast dich nicht verändert", sagte Malte hinter ihr.

„Lügner." Sie drehte sich um. „Ich habe jetzt Brille und ein Reihenhaus."

„Ich habe zwei Kinder und eine Zahnzusatzversicherung. Wir sind quitt."

Sie lachten beide, ein wenig zu lang, und dann sahen sie sich an und wussten nicht, wohin mit den Händen.

Fünfzehn Jahre. Sie hatten sich in einem Sommer kennengelernt, als sie beide alles vorhatten und nichts besaßen, außer einem Zimmer mit schiefen Fensterläden und einem Radio, das nur einen Sender fand. Dann war sie nach Hamburg gegangen und er nach Zürich, und aus Briefen wurden Postkarten, aus Postkarten Weihnachtsgrüße, und irgendwann schwieg es höflich.

„Bist du allein hier?", fragte er.

„Ich bin geschieden. Und du?"

„Verwitwet." Er sagte es ohne Pathos, nur wie eine Tatsache, und sie legte die Hand auf seinen Ärmel, einfach so, ohne darüber nachzudenken. „Vor drei Jahren. Es geht mir inzwischen gut. Mehr oder weniger."

„Mehr?"

„Heute Abend mehr."

Die Kapelle wechselte das Stück. Es begann mit drei einzelnen Akkordeontönen, und Greta spürte, wie ihr Magen einen Schritt zurückmachte. Es war dasselbe Lied, das aus dem Radio in Lissabon gekommen war, jeden Abend um halb zehn, als hätte der Sender ein Einsehen mit ihnen gehabt.

„Das ist nicht dein Ernst", sagte sie.

„Ich habe es nicht bestellt. Ich schwöre."

„Ich glaube dir nicht."

„Dann musst du mit mir tanzen, um das zu überprüfen."

Sie nahm seine Hand. Sie hatte schon länger keine Hand mehr gehalten, die so genau wusste, wohin sie gehörte, an ihren Rücken, knapp unterhalb des Schulterblatts, mit sanftem Druck. Er führte sie wie jemand, der weiß, dass Tanzen nur eine andere Art ist zu sprechen. Sie schloss die Augen, und ihre Wange fand seinen Kragen.

„Du riechst anders", sagte sie.

„Wonach?"

„Nach Zeit."

„Das ist das Netteste, was jemand über mein Rasierwasser gesagt hat."

Sie tanzten das Lied zu Ende, und noch eins, und die Gäste um sie herum wurden zu einem warmen, fernen Rauschen. Als die Kapelle Pause machte, standen sie draußen unter dem Apfelbaum, und Malte hielt ihr sein Glas hin, damit sie trinken konnte.

„Ich habe damals einen Fehler gemacht", sagte er. „Ich habe nicht gefragt, ob du bleibst."

„Ich hätte Ja gesagt."

„Und jetzt?"

„Jetzt", sagte Greta, und sie sah das Licht der Lampions in seinen Augen, „könntest du fragen, ob ich noch bleibe. Heute Nacht, zum Beispiel."

Er lächelte, ernst und erleichtert zugleich.

„Bleibst du?"

Sie nahm sein Gesicht in beide Hände, so wie man etwas zurückbekommt, was man verloren glaubte, und küsste ihn, sehr langsam, als gäbe es keinen Zug mehr, den jemand erreichen müsste.

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CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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