Der Mann vom Nachbarbalkon
Josefine hatte schon vieles über den Nachbarbalkon gelernt, ohne es zu wollen. Dass der Mann dort Basilikum zog, aber keinen Thymian überlebte. Dass er sonntags Cello übte, falsch und hingebungsvoll. Dass er barfuß ging, selbst im Mai, wenn der Beton noch kalt war.
Er hieß Viktor, hatte graue Schläfen und eine Art, über das Geländer zu schauen, als ließe sich dort ein ganzes Gespräch aufstellen wie ein Liegestuhl.
„Ihre Tomaten sind unverschämt", rief er an diesem Abend Mitte August herüber. „Meine tragen Schwarz."
„Meine bekommen Zuwendung."
„Zuwendung." Er ließ das Wort sinken. „Wie viel?"
„Täglich. Morgens und abends. Ich rede mit ihnen."
„Und was sagen Sie?"
„Dass sie schön sind. Dass sie ruhig reifen dürfen, ich warte."
Er sah sie an, über einen halben Meter Luft und zwei Blumenkästen hinweg, und Josefine bemerkte, dass sie das Gießen vergessen hatte. Die Kanne hing ihr schlaff in der Hand.
„Das würde ich auch gern einmal hören", sagte Viktor. „So geduldig angesprochen zu werden."
Sie lachte, zu laut, und trank einen Schluck von dem Rosé, den sie sich eingeschenkt hatte. Der Abend war so schwül, dass die Luft an der Haut klebte wie ein feuchtes Tuch. Über den Dächern stand eine blauschwarze Wand, und irgendwo grollte es.
„Es gibt Gewitter", sagte er.
„Wollen Sie rüberkommen, bevor es losgeht?", hörte sie sich fragen. „Der Balkon ist überdacht. Bei Ihnen regnet es rein."
„Das stimmt." Er verzog den Mund. „Woher wissen Sie das?"
„Ich höre, wie Sie fluchen."
Er brauchte zwei Minuten. Sie hörte seine Wohnungstür, dann ihre Klingel, und als sie öffnete, stand er da, in einem Leinenhemd und mit einer Flasche in der Hand, die er verlegen hochhielt.
„Mitbringsel. Ein Dessertwein. Ich hatte nicht vor, damit zu geizen."
„Ich auch nicht."
Auf dem Balkon schlugen die ersten Tropfen gegen die Markise, dick wie Münzen. Dann öffnete sich der Himmel. Das Wasser rauschte, der Wind zog an den Tomatenstauden, und Josefine saß auf der kleinen Bank neben einem Mann, den sie seit zwei Jahren grüßte und nicht kannte.
„Sie zittern", sagte er.
„Es ist doch warm."
„Dann zittern Sie aus anderen Gründen."
Sie sah ihn an. Es war ein ernster Blick, kein frecher, und gerade das machte ihn gefährlich. „Möglicherweise."
Er hob die Hand, langsam genug, dass sie ausweichen konnte, und strich ihr eine feuchte Strähne aus der Stirn. Seine Finger blieben einen Augenblick an ihrer Schläfe. Sie lehnte den Kopf ein wenig dagegen, nur ein paar Millimeter, doch beide wussten, was sie bedeuteten.
„Ich habe zwei Jahre lang über das Geländer geschaut", sagte er leise.
„Ich habe zwei Jahre lang so getan, als würde ich nicht zurückschauen."
„Das ist uns beiden nicht gelungen."
Der Donner rollte über sie hinweg, und im selben Moment fiel das Licht im Treppenhaus aus. Es war ein warmes, dunkles Zimmer geworden, in dem nur der Regen sprach.
„Darf ich?", fragte er.
Statt zu antworten, stand sie auf, nahm seine Hand und führte ihn durch die Balkontür ins Wohnzimmer, wo noch die Kerze vom Vortag stand. Sie zündete sie an, und in ihrem Schein sah er aus wie jemand, der endlich angekommen war.
Am Morgen darauf, als der Himmel gewaschen war und die Tomaten glänzten, lag auf dem Geländer ein Zettel, mit Wäscheklammer befestigt.
Meine reifen auch, wenn man ihnen Zeit lässt. Abendessen, bei mir?