Nachtzug nach Triest
Das Abteil war enger, als der Prospekt versprochen hatte, und Sabine stand mit ihrem Koffer in der Tür und rechnete nach. Zwei Betten, übereinander. Ein Waschbecken hinter einer Klappe. Ein Mann, der bereits auf der unteren Liege saß und eine Zeitung faltete.
„Ich habe oben gebucht", sagte sie.
„Dann bin ich der glückliche Besitzer des Parterres." Er stand halb auf, stieß sich den Kopf an der Gepäckablage und setzte sich wieder. „Emil. Ich bin Übersetzer und nachtaktiv. Das wollte ich vorher sagen, falls Sie nervös werden."
„Sabine. Ich bin Hebamme und kann in jeder Lage schlafen. Das wollte ich vorher sagen."
Der Zug ruckte an. München glitt davon wie eine Kulisse, die jemand zur Seite schob. Sie hatte vier Tage Urlaub vor sich, zum ersten Mal seit der Scheidung, und ein Hotel in Triest, das sie nur aus Fotos kannte. Er fuhr zu einem Kongress, den er, wie er zugab, ein wenig fürchtete.
Gegen zehn zog er eine Flasche aus der Tasche. „Ein Friulano. Ich reise nie ohne. Man weiß nie, ob man dem Schicksal begegnet oder nur dem Speisewagen."
„Und was ist hier passiert?"
„Das entscheiden Sie."
Sie tranken aus den Zahnputzbechern, und er erzählte von den Wörtern, die sich nicht übersetzen ließen. Das italienische sprezzatura, diese beiläufige Anmut, die sich nicht anstrengt. Das deutsche Sehnsucht, das in keiner Sprache dieselbe Größe hat.
„Und Fernweh?", fragte sie.
„Fernweh ist leicht. Schwer ist das, was man fühlt, wenn man nicht weiß, wonach." Er sah aus dem Fenster, wo die Dunkelheit Berge versteckte. „Ich habe dafür kein Wort. Aber ich glaube, ich kenne das Gefühl. Heute Abend sogar sehr gut."
Sabine stellte den Becher ab. Das Licht der Leselampe lag auf seinem Handgelenk, auf einer schmalen, alten Uhr. Sie hatte schon viele Hände gehalten, in Nächten, die nach Aufbruch rochen. Ihre eigenen hatten lange niemand gehalten.
„Darf ich Ihnen etwas zeigen?", fragte sie.
„Immer."
Sie rutschte neben ihn auf die untere Liege, ihre Schulter an seiner. Dann legte sie ihre Handfläche gegen seine, Finger an Finger, wie bei einem Kind, das Größen vergleicht.
„Ihre sind größer", stellte sie fest.
„Ihre sind wärmer."
„Das ist das Gegenteil von dem, was man über Hände sagt."
„Ich habe vieles Falsche über Hände gelernt."
Der Zug schaukelte, die Räder sangen ihr gleichmäßiges Lied, und irgendwo vor Salzburg beugte er sich langsam vor, und sie erwiderte den Kuss ohne Eile, mit der Neugier von zwei Menschen, die beschlossen haben, die Fahrt zu genießen und nicht nur das Ziel. Er schmeckte nach Wein und Anis. Als sie sich lösten, lachte sie.
„Was?", fragte er.
„Wir haben Glück, dass Sie unten liegen. Eine Leiter wäre jetzt peinlich."
„Das war mein Plan."
„Das war Ihr Zufall."
„Eben." Er löste die Klappe des Fensters, damit etwas kühle Nachtluft hereinkam. „Die besten Pläne sind die, die ich nicht gemacht habe."
Als der Morgen die Karstlandschaft bleich färbte, lag sie wach in seinem Arm, auf der schmalen Liege, mit den Füßen an der Wand. Draußen flackerte zum ersten Mal das Meer auf, ein stahlgrauer Streifen, der sich gegen den Horizont lehnte.
„Triest", murmelte er. „In zwanzig Minuten."
„Haben Sie schon ein Wort dafür gefunden?"
Er überlegte lange.
„Noch eine Station", sagte er schließlich, „bitte."
Sie lächelte, zog die Decke bis zu den Schultern und beschloss, am Bahnhof nicht schnell auszusteigen.