
Symbolbild
Reihe: Wand an Wand · Teil 3 von 3Wand an Wand – Teil 3: Das Abendessen im Salon
Der Salon der Pension roch nach Bohnerwachs, Orangenblüten und altem Holz. Das Klavier stand unter einem Tuch am Fenster, und davor, in der Mitte des Raumes, hatte jemand einen Tisch gedeckt: weißes Leinen, zwei Teller, eine Kerze im Windlicht. Die Gläser passten zusammen.
„Ich habe die ganze Stadt abgesucht“, sagte Jonathan. „Zwei Läden, drei Cousins und eine Nonne.“
„Eine Nonne?“
„Sie hatte Gläser. Ich habe ihr versprochen, dass es kein Skandal wird.“
Marlene lachte und trat ein. Sie trug das grüne Kleid, das sie eigentlich nur für den Fall eines Notfalls eingepackt hatte, und das Gefühl, dass der Notfall eingetreten war. Er stand am Tisch, in einem sauberen weißen Hemd, die Ärmel bis zum Ellbogen aufgekrempelt, und sah sie an, als hätte jemand das eingestrichene A endlich getroffen.
„Sie sehen aus“, sagte er, „wie der Moment nach dem Stimmen. Wenn alles ruhig ist und man weiß, dass es jetzt klingen wird.“
„Das ist der schönste Satz, den mir je jemand gesagt hat. Er ist auch ein bisschen anmaßend.“
„Ich weiß. Ich habe ihn drei Stunden lang geübt.“
Sie aßen, was ihnen die Vermieterin, mit sehr viel Schweigen und noch mehr Augenzwinkern, in den Flur gestellt hatte: Nudeln mit Zitrone und Pfeffer, eine Schüssel Tomaten, Brot, das noch warm war. Sie redeten über alles. Über die Ehe, die er verlassen hatte, ohne Groll, und über den Mann, der sie vor zwei Jahren verlassen hatte, mit sehr viel Groll. Über den Roman, in dem eine Frau ein Haus erbte, und über die Frage, ob man Häuser erben oder nur bewohnen konnte.
„Ich habe es nicht eilig“, sagte Jonathan irgendwann, und seine Hand lag auf dem Tisch, offen, mit der Fläche nach oben. „Aber ich merke, dass ich jedes Mal, wenn Sie lachen, ein bisschen weniger Geduld habe.“
„Das ist ein Kompliment mit Nebenwirkungen.“
„Ich unterschreibe den Beipackzettel.“
Sie legte ihre Hand in seine. Sie war warm und etwas feucht, und er schloss die Finger so behutsam um sie, dass sie kurz die Augen schließen musste. Es war lange her, dass jemand sie so gehalten hatte, nicht besitzergreifend, nicht zögerlich, sondern sicher.
„Marlene“, sagte er.
„Ja.“
„Ich frage jetzt. Dürfte ich?“
„Ja.“ Sie stand auf, und er auch, und der Tisch war plötzlich viel zu groß geworden. „Das Wort habe ich seit gestern Abend im Kopf. Ja, ja, ja.“
Er küsste sie. Langsam zuerst, als würde er eine Tonleiter beginnen, dann mit der Genauigkeit eines Mannes, der wusste, wo er sie finden würde. Sie hörte, wie die Kerze flackerte, wie draußen jemand lachte, und wie ihr eigener Atem sich der Melodie anpasste, die er wortlos vorgab. Seine Hand lag an ihrem Rücken, ihre in seinem Haar, und irgendwann merkte sie, dass sie rückwärts gegen das Klavier gelehnt standen und dass eine Taste unter ihrem Ellbogen einen langen, tiefen Ton von sich gab.
„Das A“, flüsterte er an ihrem Mund.
„Du hast mich den ganzen Urlaub damit gequält.“
„Und ich dachte schon, du bemerkst es nie.“
Sie lachten. Sie küssten sich noch einmal. Als sie sich lösten, sah sie, dass auf der Fensterbank die Lichter des Hafens flackerten, und für einen Moment hatte sie wieder kein Wort dafür. Aber diesmal störte es sie nicht.
„Mein Zimmer oder deines?“, fragte er.
„Weder noch.“ Sie nahm seine Hand. „Wir könnten die Wand einreißen. Die Vermieterin würde es verstehen.“
„Sie würde uns einen Rabatt geben.“
„Ich glaube, sie hat es schon eingepreist.“
Sie gingen hinaus in den Flur, und die Tür des Salons fiel hinter ihnen ins Schloss, sanft, mit einem Klang wie ein sauber gestimmter Akkord. Am nächsten Morgen, das wusste sie, würde sie keinen Ton aus der Nachbarwohnung hören. Sie würde ihn neben sich pfeifen hören, falsch und glücklich.
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