
Symbolbild
Reihe: Wand an Wand · Teil 1 von 3Wand an Wand – Teil 1: Zwei Schlüssel, eine Terrasse
Marlene hatte ein stilles Quartier gebucht, und die Vermieterin hatte es ihr versprochen, mit beiden Händen und einem Lächeln, das keinen Widerspruch zuließ. „Ruhig wie ein Kloster, Signora.“
Das Kloster fing am ersten Morgen um halb acht an zu singen.
Nicht singen, korrigierte sie sich, im Bett, die Arme hinter dem Kopf. Jemand schlug auf der anderen Seite der Wand einen einzelnen Ton an, wieder und wieder, mit einer Geduld, die an Schikane grenzte. Dann kam ein zweiter Ton, dann eine leise Verwünschung auf Deutsch, dann ein dritter.
Sie zog den Morgenmantel über und trat auf die Terrasse hinaus. Das Städtchen lag unter ihr wie ein verschüttetes Körbchen Zitronen, gelbe Häuser, die zum Hafen hinabpurzelten, und dahinter das Meer in einem Blau, das man beim Übersetzen nicht hätte beschreiben können. Marlene, neununddreißig, übersetzte seit zwölf Jahren Romane aus dem Italienischen und hatte für alles ein Wort. Für das hier nicht.
Die Terrasse war lang und wurde in der Mitte von einem hüfthohen Geländer aus Schmiedeeisen geteilt. Auf der anderen Seite stand ein Liegestuhl, ein halb ausgepackter Werkzeugkoffer und ein Mann in einem zerknitterten Leinenhemd, der eine Stimmgabel an sein Ohr hielt.
„Entschuldigung“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Ich weiß, dass es unerträglich ist.“
„Es ist erträglich“, antwortete sie. „Aber nur knapp.“
Er drehte sich um. Er mochte Anfang vierzig sein, mit grauen Strähnen im dunklen Haar und Händen, die aussahen, als hätten sie viel geduldet und noch mehr gestreichelt, Holz, Saiten, Filz. Seine Augen waren grau und müde und sehr aufmerksam.
„Jonathan Brandt“, sagte er. „Klavierstimmer. Die Pension hat ein Instrument im Salon, und ich habe angeboten, es zu stimmen, wenn ich dafür das Zimmer ein Drittel billiger bekomme.“
„Marlene Hartung. Ich übersetze Romane. Und ich wollte Stille.“
„Das tut mir aufrichtig leid.“ Er sah nicht so aus, als täte es ihm leid. Er sah aus, als würde er sich gerade merken, wie sie das Wort Stille betonte. „Ich höre um elf auf. Mittagspause. Dann gehört Ihnen das Kloster.“
Um elf hörte er auf, und es wurde so still, dass sie ihn atmen zu hören glaubte. Das war natürlich Einbildung. Die Wand war dick, die Steine alt, aber die Tür zur Terrasse stand offen, und manchmal trug der Wind ein Räuspern herüber, das Klirren eines Löffels in einer Tasse, ein halbes Lied, das er pfiff und nach drei Takten abbrach.
Sie versuchte zu arbeiten. Der Roman handelte von einer Frau, die auf Sizilien ein Haus erbte, und sie übersetzte drei Seiten, ohne ein einziges Wort zu behalten. Immer wieder sah sie zur Wand.
Am Nachmittag fand sie unter der Tür einen Zettel.
Ich habe den Ton gefunden, der am meisten stört. Es ist das eingestrichene A. Ich werde es morgen als Erstes erledigen, damit Sie ruhig schlafen können. J. B.
Sie las ihn zweimal. Dann nahm sie ein Blatt vom Schreibtisch und schrieb mit ihrem Füller zurück.
Ich habe nicht gesagt, dass ich schlafen will. M. H.
Sie faltete den Zettel, ging in den Flur und schob ihn unter seine Tür. Ihr Herz schlug dabei so unvernünftig, dass sie sich fragte, ob sie neunzehn oder neununddreißig war.
Auf dem Rückweg hörte sie drinnen, durch das Holz, einen einzelnen Ton. Er hielt sich lange. Dann kam ein leises Lachen, das sie bis in die Fingerspitzen spürte.
Und dann, ganz nah am Türspalt, eine zweite Notiz, die langsam hindurchgeschoben wurde, bis sie vor ihren Füßen lag.
Dann sollten wir uns auf der Terrasse treffen. Bei Sonnenuntergang. Ich bringe den Wein. J. B.
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