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Reihe: Der Salzpakt · Teil 2 von 3

Der Salzpakt – Teil 2: Pier Sieben

Pier Sieben lag bei Ebbe wie ein langer, nasser Finger im Nebel. Ragnhild kam in dunklem Mantel, den Schlüsselring am Gürtel, und fand Eckhart schon vor Ort. Er trug keinen Mantel, nur Hemd und Weste, und stand mit den Händen im Rücken wie ein Rekrut. Der Atem stieg ihm weiß vor dem Mund.

„Ihr seid früh“, sagte sie.

„Ich habe nicht geschlafen.“

„Das war keine Frage nach Eurem Befinden, sondern nach Eurer Pünktlichkeit.“ Sie hielt ihm die Hand hin, und er legte, ohne zu überlegen, den Mantel hinein, den er über dem Arm getragen hatte. Dann merkte er, dass sie ihn selbst anzog, und er sah aus, als brauchte er einen Moment, um das zu begreifen.

Sie lachte. „Ja, ich habe es wirklich gemeint, vorhin. Jetzt zeigt mir den Namen.“

Er wurde blass. „Welchen Namen?“

„Den in der Ecke Eurer Karte. Ragnhild Thorsdottir, zwölfter Tag des Nebelmonds. Vor elf Jahren. Ihr habt nicht gesagt, dass wir uns schon kennen.“

Das Schweigen dauerte lange. Ein Möwenschrei zerriss es.

„Regel eins“, sagte Eckhart schließlich. „Die Wahrheit.“

„Ich höre.“

„Vor elf Jahren habe ich einen Frachter geschmuggelt, den Ihr beschlagnahmt habt. Ich sollte hängen. Ihr habt am Morgen der Verhandlung gesagt, der Mann sei noch nützlich, und ihn laufen lassen. Ihr habt mich nicht gekannt und mich nie wieder angesehen.“ Er schluckte. „Ich habe Euer Gesicht nie vergessen. Und ich wollte irgendwann zurückzahlen, was ich nie bezahlen konnte.“

„Darum die Karte.“

„Darum auch. Aber nicht nur.“ Er sah ihr in die Augen, ohne Spott. „Ich dachte, ein Mann, der Euch dient, schuldet Euch nichts mehr.“

Ragnhild schwieg. Hinter ihr schlug eine Welle gegen den Pfosten, schwer und regelmäßig. Sie ging langsam um ihn herum, so wie sie um ein Schiff ging, das sie prüfte.

„Das ist ein schlechter Grund für einen Pakt“, sagte sie. „Dankbarkeit macht Männer gehorsam und Frauen ungerecht. Ich will keinen Schuldner. Ich will einen, der wählt.“

„Ich wähle.“

„Dann beweist es. Ich stelle Euch drei Aufgaben. Die erste: Ihr tragt heute meine Papiere durch den ganzen Hafen und lasst keinen Blick länger als nötig auf jemand anderem ruhen. Die zweite: Ihr esst heute Abend an meinem Tisch, aber Ihr redet nur, wenn ich Euch anspreche. Die dritte nenne ich Euch heute Nacht.“

Er neigte den Kopf. „Und wenn es zu viel wird?“

„Dann kennt Ihr das Zeichen.“

Der Tag war ein Marsch durch den Hafen in der Rolle, die sie ihm gegeben hatte: ein Schritt hinter ihr, eine Ledertasche am Arm, die Augen niedrig. Die Fischer grüßten die Hafenmeisterin und musterten den Mann hinter ihr mit rätselnder Neugier. Zweimal sah sie sich um und fand seine Augen, ruhig und dankbar. Das war genug.

Am Abend aß er an ihrem Tisch. Er schwieg, und sein Schweigen war ein Geschenk, das sie genoss wie den Wein. Sie sprach ihn nur zweimal an: einmal, um ihm den Teller zu füllen, und einmal, um zu sagen: „Ihr seid ein guter Zuhörer.“

„Ich habe viel nachzuholen“, antwortete er leise, und sie ließ es durchgehen.

Nach dem Mahl ging sie ans Fenster. Draußen leuchtete das Becken im Mondlicht silbern, die Masten stachen schwarz hinein. Er stand hinter ihr und wartete auf die dritte Aufgabe.

„Ich möchte, dass Ihr mir die Küste vorlest“, sagte sie. „Nicht von der Karte. Aus dem Gedächtnis. Jede Bucht, jedes Riff, jeden Namen, den Ihr gegeben habt. Bis ich einschlafe.“

„Das dauert die ganze Nacht.“

„Dann sollten wir anfangen.“

Er begann. Seine Stimme war rau und tief und kam von weit her, aus Nächten auf kleinen Booten. Sie lag auf dem Sofa unter einer Wolldecke und hörte zu. Bei der neunten Bucht schlief sie fast ein. Bei der elften riss sie die Augen auf.

„Wie nanntet Ihr diese?“

„Salzmarks Sorge“, sagte er. „Dort liegt etwas begraben, das nicht dorthin gehört.“

Und als er den Satz zu Ende gesprochen hatte, klopfte es dreimal hart und laut an die Tür des Kontors.

◆
JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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