
Symbolbild
Reihe: Der Salzpakt · Teil 3 von 3Der Salzpakt – Teil 3: Die rote Schnur
Der Mann an der Tür war der Ratsherr Corbinian Hess, und er kam nicht aus Höflichkeit. Er trug Pelz, Misstrauen und zwei Wachen, die sich bemühten, nicht ins Kontor zu sehen.
„Hafenmeisterin“, sagte er, „man erzählt sich, Ihr hättet einen Mann im Haus, der Dinge weiß, die Salzmark nichts angehen.“
Ragnhild saß aufrecht, das Haar offen, die Decke noch halb um die Schultern. Eckhart stand hinter ihr, eine Armlänge entfernt, Hände im Rücken. Sie bemerkte, wie sein Atem stockte, und hob kaum merklich die Hand: Bleib.
„Man erzählt viel“, sagte sie. „Wer hat Euch geschickt?“
„Der Rat. Eine Truhe liegt in einer Bucht, die auf keiner Karte steht. Ein alter Fehler unseres Hauses. Ich möchte nicht, dass sie auftaucht.“
„Dann sagt es offen. Ihr möchtet, dass die Karte verschwindet.“
„Ich möchte, dass sie Eurem Verwahrer geschenkt wird“, sagte der Ratsherr und betrachtete Eckhart mit der Höflichkeit eines Henkers. „Gegen eine Summe, die ihn bis zum Lebensende ernährt.“
Ragnhild spürte, wie der Raum sich verdichtete. Sie wusste, dass es nicht ihre Entscheidung war. Sie wusste auch, dass er zum ersten Mal in diesem Mond etwas sagen durfte, ohne dass sie es erlaubte, und dass sie ihm das Wort geben musste.
„Eckhart“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, „sprecht.“
Er trat einen Schritt vor, die rote Schnur um den Zeigefinger gewickelt. „Herr Hess, die Karte gehört nicht Euch und nicht mir. Sie gehört dem Hafen. Wer Salzmark nützt, wird sie lesen. Wer sie verbirgt, soll sie auf offener See suchen.“ Er sah ihn an, ruhig, mit dem alten Lächeln des Schmugglers. „Ich habe schon einmal um mein Leben verhandelt. Es ist erstaunlich, wie viel besser man dabei klingt, wenn man jemanden hinter sich hat.“
Hess verstand. Er zog die Wachen zurück, murmelte etwas von Missverständnissen und ging, und die Tür schlug leise ins Schloss.
Dann war es still. Ragnhild atmete aus.
„Ihr habt gesprochen, ohne zu fragen“, sagte sie.
„Ihr habt es mir befohlen.“
„Ich habe Euch aufgefordert.“ Sie drehte sich um. „Das ist ein Unterschied, den Ihr mir in diesem Mond beigebracht habt.“
Die restlichen Tage vergingen wie Gezeiten. Sie ließ ihn die Küstenbucht öffnen, mit zwei vertrauten Lotsen und einem Ratsbeschluss, der Hess zum Schweigen zwang. Die Truhe war voller alter Schuldbriefe, die den halben Rat in Verlegenheit brachten. Ragnhild verbrannte sie am Strand, bei Ebbe, in einem Feuer, das so hell loderte, dass Möwen aufschrien. Eckhart stand neben ihr, mit rußigen Händen, und sah aus wie ein Mann, der zum ersten Mal nach Hause fand.
In der neunundzwanzigsten Nacht, die letzte des Paktes, kam er ins Kontor und blieb vor ihrem Schreibtisch stehen. Er hielt die rote Schnur in der Hand.
„Der Mond endet“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Ich hätte gern eine Frage.“
„Ihr dürft.“
„Ob Ihr den Pakt verlängert.“ Seine Stimme zitterte kaum. „Nicht aus Dankbarkeit. Ich habe es mir überlegt, jeden Tag, jede Nacht. Ich möchte nicht mehr auf Wasser leben. Ich möchte, dass jemand mich erwartet, wenn ich nach Hause komme.“
Ragnhild nahm die Schnur aus seiner Hand. Sie legte sie ihm in den Nacken, ließ die Enden über sein Hemd fallen und band ein Mal, locker, kein Knoten, der etwas festhielt.
„Das ist keine Fessel“, sagte sie. „Das ist eine Einladung. Ein Zeichen, das Ihr mir geben dürft, wann immer Ihr es braucht, und das ich Euch nie nehmen werde.“
„Dann ja“, sagte er.
„Dann ja“, sagte sie. „Geht jetzt und holt Euren Mantel. Ich will ihn Euch anziehen, bevor wir hinausgehen.“
Er lachte, mit nassen Augen, und beugte sich vor, bis seine Stirn ihre berührte. Draußen schlug das Meer gegen den Pier Sieben, so ruhig und verlässlich wie ein Herz, das endlich Anker geworfen hatte.


