Symbolbild

Fantasy & Historisch

Sturm über Glenmarrow Hall

Die Straße nach Glenmarrow Hall war um fünf Uhr nachmittags noch eine Straße gewesen. Um sechs war sie ein Bach, und um sieben stand Tamsin mit nassen Haaren, einem durchweichten Koffer und einer Stoßseufzer-Laune vor einer Eichentür, so hoch wie ein Kirchenportal.

Sie hatte das Haus für den Verkauf schätzen sollen. Stattdessen öffnete ihr ein Mann in schwarzem Gehrock, wie aus einem Roman entsprungen, groß, schlank, das Gesicht ernst bis auf eine winzige Falte neben dem Mundwinkel.

„Miss Calder“, sagte er. „Ich bin Fenwick. Der Hausherr ist nach Edinburgh abgereist, die Brücke ist weg, und der Kamin im blauen Salon brennt bereits. Sie werden bleiben müssen.“

„Das klingt wie ein Befehl.“

„Es ist eine Tatsache. Befehle erteile ich selten.“ Die Falte vertiefte sich. „Zumindest nicht an Gäste, die sie nicht wünschen.“

Sie war siebenunddreißig, geschieden, in ihrem Beruf gewohnt, Räume zu beherrschen. Es irritierte sie, dass ein Butler in einem Haus aus Zugluft und Eiche sie mit vier Worten dazu brachte, ihren Mantel brav in seine Hände zu legen.

Der Salon war blau und warm, das Feuer prasselte, und auf einem Tisch standen Tee, Shortbread und eine Flasche Whisky, die älter war als sie. Draußen schlug der Sturm gegen die Fenster wie ein hungriger Hund.

„Sie sollten sich setzen“, sagte Fenwick. „Und Sie sollten Ihre Schuhe ausziehen. Sie sind nass.“

„Sagt wer?“

„Ich. Und die Naturgesetze.“

Sie setzte sich und zog die Schuhe aus. Das war ein seltsames Gefühl, als hätte sie damit ein Vorrecht abgegeben. Er kniete sich vor sie, ohne dass sie darum gebeten hätte, nahm einen Fuß in beide Hände und rieb ihn warm mit einem Handtuch, sehr sachlich, sehr vollständig.

„Das ist“, sagte Tamsin, „nicht Teil Ihrer Aufgaben.“

„Nein.“ Er blickte auf. „Aber ich habe mir in zwanzig Jahren Dienst angewöhnt, zu spüren, wann jemand Hilfe braucht. Und wann jemand nur befohlen haben möchte, es sich bequem zu machen.“

Es war still im Raum, bis auf das Feuer.

„Und woran erkennt man das?“, fragte sie, leiser.

„An den Schultern. Sie tragen seit drei Stunden die Welt darauf, Miss Calder. Ich weiß nicht, was sie wiegt. Aber ich weiß, dass sie heute Nacht keiner braucht.“

Tamsin starrte in die Flammen. Dann sagte sie, überrascht von ihrer eigenen Stimme: „Ich möchte, dass heute Nacht jemand für mich entscheidet. Kleinigkeiten. Was ich trinke, wann ich schlafe, was ich zuerst esse.“

„Das ist eine genaue Bitte.“

„Ich kann auch genau sein. Aber ich möchte jederzeit sagen können, dass es genug ist.“

„Dann sagen Sie ‚Heide‘“, erwiderte er. „So heißt der Hügel hinter dem Haus, und ich werde ihn nie wieder ohne Ernst betrachten.“ Er stand auf. „Dann wäre das geklärt. Sie trinken zuerst Tee, Miss Calder. Dann zwei Fingerbreit Whisky. Dann essen Sie, was die Köchin hinterlassen hat, und ich lese Ihnen vor, bis Sie gähnen.“

„Und danach?“

„Danach bringe ich Sie in das Zimmer am Ende des Flurs, in dem ein Bett steht, das größer ist als Ihre Wohnung, und wünsche Ihnen eine gute Nacht.“ Er hielt kurz inne, und die Falte neben seinem Mund wurde zu einem echten, sehr kleinen Lächeln. „Wenn Sie es wünschen, bleibe ich noch eine Weile in dem Sessel an der Tür.“

„Ich werde darüber nachdenken.“

„Ich werde warten.“

Er las ihr aus einem Roman von Stevenson vor, mit einer Stimme, die die Wörter wärmte, und sie hörte kaum zu. Sie beobachtete, wie das Feuer auf seinen Handrücken tanzte. Irgendwann, mitten in einem Satz über Moorland, schlief sie ein. Als sie halb erwachte, trug er sie, behutsam und ohne ein Wort, die breite Treppe hinauf.

Der Sturm tobte die ganze Nacht. Aber im Haus war es still, und im Sessel an der Tür saß jemand, der ihr bis zum Morgen den Schlaf bewachte.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

Das könnte dir auch gefallen

Fantasy & Historisch

Die Maske im Februarnebel

Im Nebel des venezianischen Karnevals tauscht eine Fremde mit einem Fremden drei Regeln und ein Versprechen, das erst um Mitternacht gilt.

Mira Sommer · 3 Min. Lesezeit
Fantasy & Historisch

Die Autorin und ihr Ritter

Elmira schreibt seit Jahren an einem Fantasyroman, bis ihr schwarzer Ritter eines Abends im Arbeitszimmer steht und Einwände gegen das dritte Kapitel hat.

Clara Reuter · 3 Min. Lesezeit
Fantasy & Historisch

Die Bar ohne Namen, 1926

Ein Journalist sucht die geheimste Bar der Stadt und gerät an eine Sängerin, die Wetten liebt und ihre Regeln selbst schreibt.

Mira Sommer · 3 Min. Lesezeit