
Symbolbild
Fantasy & HistorischDie Maske im Februarnebel
In Venedig gibt es im Februar eine Stunde, in der der Nebel so dicht steht, dass man den Mann am anderen Ende der Brücke nur als Mantel und Maske erkennt. Ludovika hatte diese Stunde seit drei Jahren gemieden. Heute stand sie mittendrin, in nachtgrünem Samt, mit einer Halbmaske aus Gold und der festen Absicht, sich einmal nichts vorzunehmen.
„Sie sind allein“, sagte eine Stimme neben ihr. Sie gehörte einem Mann in der Maske eines Pestdoktors, mit langem Schnabel und tiefen Augenhöhlen. „Das ist auf Brücken gefährlich.“
„Das behaupten Männer mit Schnäbeln gern.“
Er lachte, tief und überrascht. „Silvio. Aber heute Abend bin ich Doktor Zufall. Darf ich Sie bis zur nächsten Bar führen? Man trinkt dort einen Wein, der eine Lüge als Wahrheit verkauft.“
Sie war fünfundvierzig, Restauratorin aus Hamburg, geschieden, und ihr Beruf bestand darin, Dinge zu behandeln, als könnten sie zerbrechen. Vielleicht war es das, was sie antrieb, ja zu sagen.
Der Wein war gut und die Lüge dünn. Sie saßen in einer Nische unter einem Fresko, auf dem jemand Engel mit Schnurrbärten gemalt hatte, und redeten über Lack, Gold und die Geduld von Handwerkern. Er war Geigenbauer. Seine Hände, die er schließlich aus den Handschuhen zog, waren schmal und voller feiner Schnitte.
„Ich schlage Ihnen etwas vor“, sagte er irgendwann. „Aber ich möchte es nach den Regeln des Karnevals tun. Drei Regeln. Erstens: Keine Namen, bis Mitternacht. Zweitens: Wer Nein sagt, wird nicht gefragt, warum. Drittens …“
„Ja?“
„Drittens führe ich, bis Sie das Glockenschlagen hören. Nicht aus Zwang. Weil es schöner ist, wenn eine von uns beiden einmal ausruht.“
Ludovika betrachtete seine Maske. Sie war vom Wein ein wenig warm im Gesicht. „Und wenn ich es bereue?“
„Dann sagen Sie ‚Lack‘.“ Er sagte es so ernst, dass sie lachen musste. „Es ist das Wort, bei dem Sie alles beenden. Es ist auch der Beruf, den Sie lieben.“
„Und wenn Sie es bereuen?“
„Dann sage ich ‚Saite‘. Aber ich werde es nicht bereuen.“
Er führte sie hinaus in den Nebel. Seine Hand lag leicht an ihrem Rücken, ohne zu drücken, und sie spürte, wie sich ihre Schritte unwillkürlich nach den seinen richteten. Sie überquerten zwei Brücken, ein Gässchen so schmal, dass sie hintereinander gehen mussten, und einen Platz, auf dem ein Harlekin Seifenblasen blies. An einer Mauer blieb er stehen und löste ihr, ohne zu fragen, nur mit einem hochgezogenen Blick, das Band der Maske.
„Darf ich?“
„Sie haben mich gefragt“, sagte sie. „Das war in den Regeln nicht vorgesehen.“
„Gute Regeln brauchen Ausnahmen.“
Er nahm ihr die goldene Maske ab und hielt sie in beiden Händen, als wäre sie eine kostbare Geige, und sah sie lange an, ohne ein Wort. Es war ein Blick, der nichts forderte. Er sagte nur: Da bist du also.
Dann legte er ihr die Maske zurück, band sie neu, sorgfältiger als zuvor, und sie merkte, dass sie die Luft angehalten hatte.
„Sie zittern“, sagte er.
„Ich friere.“
„Das ist die zweite Lüge des Abends.“
Sie lachte, und der Nebel nahm das Lachen mit. Er führte sie noch durch drei Gassen, bis zu einem Haus mit grüner Tür, hinter dem das Wasser des Kanals leise gegen Stein schlug. Vom Campanile schlug es Mitternacht, zwölf dunkle Schläge, die ihr den Rücken hinunterliefen.
„Ludovika“, sagte sie bei dem letzten.
„Silvio“, sagte er und nahm die Pestmaske ab. Darunter lag ein Gesicht, das älter war als sein Lachen und freundlicher, als sie gefürchtet hatte. „Die Tür ist offen. Das Zimmer gehört einem Freund. Es gibt einen Kamin und eine Geige, die ich Ihnen vorspielen würde, wenn Sie wollen.“
„Nur eine Geige?“
„Fangen wir mit der Geige an.“
Sie trat über die Schwelle. Hinter ihr fiel die grüne Tür leise ins Schloss, und der Nebel blieb draußen, geduldig, wie ein Zuschauer, der längst weiß, wie es ausgeht.


