
Symbolbild
Reihe: Der Salzpakt · Teil 1 von 3Der Salzpakt – Teil 1: Die Hafenmeisterin
In Salzmark hieß es, die Hafenmeisterin könne den Nebel lesen wie andere Leute Briefe. Ragnhild Thorsdottir hielt das für übertrieben. Sie las nur genauer als die anderen, und sie vergaß nichts, was ihr jemand schuldete.
Sie war vierundvierzig, groß, mit grauen Strähnen im dunklen Zopf und einem Schlüsselring am Gürtel, der klang wie eine Warnung. Am Morgen, als der Bote ihr einen Brief auf Pergament brachte, stand sie gerade auf dem Kai über dem Becken und schrie zwei Fischern nach, die ihr Boot falsch vertäut hatten.
Hafenmeisterin, stand auf dem Brief, ich besitze die einzige vollständige Karte der Nebelküste. Ich will sie Euch geben. Dafür möchte ich etwas, das ich Euch nur persönlich nennen kann. A.
Sie las ihn zweimal und steckte ihn ein.
Der Mann, der am Abend in ihr Kontor trat, war nicht, was sie erwartet hatte. Eckhart Vell, einundvierzig, schlank, in einem Mantel, der besser gewesen war, mit Tintenflecken an den Fingern und einem Gesicht, das viel gelacht und viel gelogen hatte. Früher, hatte sie gehört, war er Schmuggler gewesen. Jetzt zeichnete er.
„Ihr habt die Küste nie gesehen“, sagte sie ohne Gruß.
„Ich habe sie dreimal bei Nacht umrundet, in einem Boot, das sinken wollte.“ Er legte eine Lederrolle auf den Tisch. „Dreitausend Seemeilen Wasser, siebzehn Riffe, die nirgends eingetragen sind. Der Rat von Salzmark zahlt Euch jedes Jahr ein Vermögen für Lotsen. Mit dieser Karte spart Ihr es.“
„Und Ihr verlangt?“
Er schwieg. Zum ersten Mal sah sie ihn zögern.
„Ich habe lange darüber nachgedacht“, sagte er endlich. „Ich bin ein Mann, der seit zwanzig Jahren auf keinem Schiff mehr gedient hat, in keinem Haus, nirgends. Ich habe niemandem gehorcht, seit ich meine Mutter begraben habe. Es ist … ermüdend.“ Er lächelte schief. „Ich möchte einen Mond lang jemandem dienen, der weiß, was er tut. Nicht für Geld. Für einen Pakt, den wir beide aufsetzen. Mit Grenzen, mit Wörtern, die alles beenden. Und mit der Karte als Preis, den ich nicht zurückfordere, was auch geschieht.“
Ragnhild lehnte sich zurück. Das Kontor roch nach Teer und Kerzenwachs. Von unten drang das Klatschen des Wassers herauf.
„Ihr bittet mich“, sagte sie langsam, „Euch zu führen.“
„Ich bitte Euch, mich zu führen und mir zu verbieten, vorher zu fragen, ob ich es verdiene.“
Es war so schön gesagt, so unverschämt aufrichtig, dass sie fast gelacht hätte. Stattdessen stand sie auf, ging um den Tisch und blieb vor ihm stehen, nah genug, dass er den Atem anhielt. Sie war einen halben Kopf größer.
„Ich habe Regeln“, sagte sie.
„Ich vermute es.“
„Erstens: Ihr sagt mir die Wahrheit. Immer. Auch wenn sie unbequem ist. Zweitens: Ihr fragt nicht, was mit Euch geschieht, ehe ich es erlaube. Drittens …“ Sie nahm ein Stück rote Schnur vom Haken. „Dies ist Euer Zeichen. Wenn Ihr es mir in die Hand legt, ist alles vorbei. Sofort. Ohne Groll.“
Er nahm die Schnur, wickelte sie sich um den Zeigefinger und lächelte. „Ich dachte, Ihr würdet mich fragen, warum.“
„Ich frage selten nach dem Warum. Ich frage nach dem Wie lange.“ Sie hob die Brauen. „Einen Mond?“
„Neunundzwanzig Nächte.“
„Dann lasst uns bei Ebbe anfangen. Morgen, vor Sonnenaufgang, am Pier Sieben.“
Sie wandte sich ab, aber sie spürte seinen Blick im Rücken wie eine warme Hand. An der Tür drehte sie sich nicht um, sondern sagte nur: „Und Eckhart. Ihr tragt keinen Mantel. Den gebt Ihr mir heute Abend.“
Er stand eine Weile ohne Bewegung im Raum. Dann zog er den Mantel aus und legte ihn über die Stuhllehne, und sie sah, dass seine Hände bebten. Es war ein Beben, das nichts mit Furcht zu tun hatte.
In dieser Nacht, über den Karten in ihrem Schlafzimmer, entdeckte Ragnhild etwas, das sie beunruhigte. In der Ecke der Küstenzeichnung, mit feiner Tinte, stand ein Name. Es war ihr eigener. Und das Datum daneben war elf Jahre alt.


