
Symbolbild
Fantasy & HistorischDie Autorin und ihr Ritter
Der Ritter Corvin von Eisenwald stand im Arbeitszimmer, den Helm unter dem Arm, und betrachtete die Teetasse auf dem Schreibtisch mit demselben Misstrauen, mit dem er sonst Burgtore betrachtete.
„Das“, sagte er, „ist kein Met.“
Elmira ließ den Kugelschreiber fallen. Sie war zweiundvierzig, Buchhändlerin, und hatte in den letzten sieben Jahren jeden Abend zwei Stunden an ihrem Roman geschrieben. Sie kannte jede Narbe dieses Mannes, jede seiner Launen, die Art, wie er beim Lügen die linke Augenbraue hob. Was sie nicht kannte, war der Geruch von Leder und Regen, der plötzlich ihr Zimmer füllte.
„Ich träume“, sagte sie.
„Wahrscheinlich.“ Er zuckte mit den Schultern, und die Rüstung klirrte dabei in einem Ton, den sie sich nie hatte ausdenken können. „Ihr schreibt mich seit sieben Jahren, Herrin. Ich habe einiges zu sagen.“
„Ich bin nicht Eure Herrin. Ich bin die Autorin.“
„Das ist dasselbe, nur mit besserem Papier.“ Er stellte den Helm auf ihr Regal, zwischen Wörterbuch und Zimtkerze. „Kapitel drei. Ihr lasst mich dort die Burg stürmen, allein, in Unterzahl, und am Ende küsse ich eine Tote. Das ist weder ritterlich noch glaubwürdig.“
Elmira starrte ihn an. Er hatte recht. Sie hatte es bei jedem Lesen geahnt und nie gewagt, es sich einzugestehen.
„Und was schlagt Ihr vor?“
„Dass Ihr mir erlaubt, die Burg zu betreten, wenn ich eingeladen werde.“ Er kam näher, bis sein Schatten auf ihre Seiten fiel. „Dass die Frau, die ich liebe, mich ein wenig führt und ein wenig fordert. Ich bin der Mann, der alles tut, was man ihm befiehlt, solange er die Befehle versteht. Das habt Ihr selbst so geschrieben, in Kapitel eins. Ihr habt es nur nie weitergedacht.“
Sie lachte, weil ihr nichts anderes einfiel. „Ich habe es nicht gewagt.“
„Dann wagt es jetzt.“ Seine Stimme wurde leiser. „Lasst uns ein Spiel spielen, Herrin Autorin. Ich werde ein Wort wählen, bei dem Ihr alles beendet, und ich werde einen Satz schreiben, den nur Ihr kennt. Den Rest erfindet Ihr, so wie immer.“
„Ein Wort?“
„Tintenfass.“ Er hob die Augenbraue, links. „Wenn ich es sage, hört alles auf.“
„Und wenn ich es sage?“
„Dann hört es auch auf.“ Er sah sie ernst an. „Ich bin vielleicht Eure Erfindung. Aber Euer Wille ist kein Roman.“
Das gab den Ausschlag. Elmira klappte den Laptop zu, stand auf und legte beide Hände auf seine kalte Brustplatte. Dabei fiel ihr auf, wie gut sie ihn kannte, seine Haltung, die Schultern, das Zögern vor dem nächsten Satz. Es war, als hätte sie ihm ein Leben lang Zeit gegeben, sich auf diesen Abend vorzubereiten.
„Nehmt die Rüstung ab“, sagte sie.
„Das geht nicht allein.“
„Ich weiß. Ich habe die Schnallen erfunden.“
Er kniete sich vor sie, und sie öffnete eine nach der anderen, die Finger sicherer, als sie sich fühlte. Jede Schnalle klickte, jedes Stück Eisen kam mit einem schweren Seufzer zu Boden. Er hielt still, die Augen niedergeschlagen, und atmete tiefer, als sie es je in einer Szene beschrieben hatte.
„So“, sagte sie, „erzählt mir von der Burg.“
„Ich erzähle sie Euch, wenn ich darf. Stück für Stück, Satz für Satz, solange Ihr es wünscht.“
„Die ganze Nacht?“
„Wenn nötig, bis Kapitel zwanzig.“
Draußen schlug die Kirchturmuhr zwölf. Auf dem Bildschirm erlosch das Licht, die Zimtkerze flackerte, und im Regal stand einsam der Helm und blickte auf zwei Menschen, die sich langsam, sorgfältig und sehr zufrieden auf einen neuen Anfang einigten.
Am Morgen fand sie auf dem Schreibtisch einen Zettel, in schwungvoller, fremder Schrift: Kapitel drei, Neufassung. Bitte unbedingt mit Tee statt Met. Euer C.
Sie las ihn dreimal, trank den Tee kalt aus und begann zu schreiben.


