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Reihe: Zwischen den Reben · Teil 2 von 3

Zwischen den Reben – Teil 2: Die achte Zeile

Die achte Zeile lautete: Einmal pro Woche sagt Anton mir etwas, das er mir nicht sagen will.

Er hatte sie am Abend im Auto gelesen, im Licht der Innenbeleuchtung, und danach zehn Minuten lang das Lenkrad angestarrt. Es war schlimmer als jede Anweisung. Gehorchen konnte er. Aber ehrlich sein, ohne dass sie fragte?

Am Samstag begann die Lese. Um sechs Uhr morgens stand er im Hof, das Brot unter dem Arm und Gummistiefel an den Füßen, die ihm zwei Nummern zu groß waren. Valeska musterte ihn von oben bis unten.

„Sie haben eine Mütze mitgebracht.“

„Es ist kalt.“

„Es ist Oktober, nicht Spitzbergen.“ Sie nahm ihm das Brot ab, roch daran und nickte. „Gut. Du bist ab jetzt beim Du. Aber nur hier im Weinberg. Im Büro bleibt es beim Sie.“

„Warum?“

„Weil ich es sage.“ Dann, ein klein wenig leiser: „Und weil es mir gefällt, wie du mich dann ansiehst.“

Er wurde rot, tief und schnell, und sie wandte sich ab, um ihr Lächeln zu verbergen.

Die Arbeit war hart. Gebückt zwischen den Reihen, die Schere in der Hand, den Rücken wund. Valeska gab Anweisungen in kurzen Sätzen. Hier. Nicht so tief. Warte. Und Anton, der in seinem Büro Zahlenkolonnen mit Genauigkeit durchsuchte, merkte, wie wohltuend es war, einmal nichts entscheiden zu müssen. Seine Hände wurden klebrig vom Saft, seine Gedanken leicht.

Am Mittag saßen sie auf umgedrehten Kisten, aßen Brot und Käse, und Valeska reichte ihm eine Flasche Wasser, bevor er darum bat.

„Du bist aufmerksam“, sagte er.

„Das ist mein Beruf. Reben beobachten, Menschen auch.“ Sie sah ihn an. „Und jetzt zur achten Zeile.“

Er hatte gehofft, sie würde es vergessen. „Ich habe Angst, dass ich mich lächerlich mache.“

„Das ist die Einleitung. Der Rest?“

Anton schluckte. „Ich habe heute früh im Spiegel gesehen, wie ich mit der Mütze und den Stiefeln aussehe, und dachte: Ich will, dass sie mich genauso sieht. Als jemanden, der etwas Lächerliches tut und dabei glücklich ist.“

Valeska schwieg. Dann legte sie ihm die Hand auf den Nacken, nicht fest, nur schwer. „Das ist die ehrlichste Sache, die jemand mir in diesem Jahr gesagt hat.“

„Dann sind Sie ... bist du nicht böse?“

„Böse?“ Sie lachte, ein tiefes, kratzendes Lachen. „Ich werde dir einen Orden dafür verleihen. Aus Traubenkernen.“

Am Nachmittag passierte das Unglück. Er trug einen vollen Eimer zum Wagen, stolperte über eine Wurzel, und der Rotwein-Most, den sie für den Hausgebrauch abgefüllt hatten, schwappte über seine Hose, über ihre Schürze, über den ganzen Hof.

Totenstille. Die Pflücker hielten den Atem an. Valeska stand da, rot getränkt bis zu den Knien, und Anton wünschte sich, der Boden möge ihn verschlucken.

„Bitte“, sagte er, „sag etwas.“

Sie wartete einen Herzschlag zu lang. Dann ging sie ganz langsam auf ihn zu, nahm ihm den leeren Eimer ab und setzte ihn ihm auf den Kopf.

„Das“, sagte sie, „ist deine Krone.“

Die Pflücker brachen in Gelächter aus. Anton stand da, mit dem Eimer auf dem Kopf, den roten Saft in den Haaren, und lachte so, dass er sich an einem Pfosten festhalten musste.

Abends, in der Küche des Gutshauses, trocknete sie ihm die Haare mit einem Handtuch und sagte nichts. Er saß auf einem Hocker, das Hemd fleckig, und ließ sich drücken und rubbeln wie ein Hund nach dem Regen.

„Valeska?“

„Ja.“

„Das war nicht Teil der Probezeit.“

„Nein.“ Sie hielt inne, die Hände noch in seinem Haar. „Aber morgen früh ist es Teil der Prüfung.“

„Welcher Prüfung?“

Sie beugte sich vor und flüsterte es ihm ins Ohr. Anton wurde blass, dann rot, dann blass. Als sie sich aufrichtete, war ihr Gesicht vollkommen ernst.

„Neun Uhr“, sagte sie. „Im Weinkeller. Und bring ruhige Hände mit.“

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CR
Clara Reuter

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