Femdom

Der Schlüssel in ihrer Hand

Der Schlüssel hing an einem schmalen roten Band, und Veronika trug ihn offen über der Bluse, als wäre es ein Schmuckstück. Für alle anderen im Foyer des Tagungshotels war es genau das. Nur Matthias wusste es besser, und er wusste es mit jeder Faser seines Körpers.

„Du siehst blass aus", sagte sie und rückte ihm die Krawatte zurecht. „Aufgeregt wegen des Vortrags?"

„Unter anderem."

„Unter anderem." Sie ließ das Wort einen Moment lang stehen, sah ihn an wie jemand, der in aller Ruhe eine Speisekarte studiert. „Dann sollten wir das Wichtigste vorher klären. Wie lautet die Regel?"

„Ich frage nicht, bevor du es erlaubst. Und ich schaue nicht auf die Uhr."

„Und was tust du, wenn es zu viel wird?"

„Ich sage ,Zitrone'."

„Und dann?"

„Dann endet es. Sofort. Und du bringst mich zum Essen aus."

„Gut." Sie lächelte, dieses kleine, genaue Lächeln, das er seit zwei Jahren lieber mochte als jede Medaille. „Dann geh und sei brillant."

Der Saal war voll, vierzig Stuhlreihen Fachpublikum, und Matthias stand am Pult und erklärte die Lieferketten eines mittelständischen Möbelherstellers. Er hatte diese Folien hundertmal gesehen. Heute las er sie wie in einer Fremdsprache, weil in der letzten Reihe, an der Seitenwand, eine Frau in dunkelgrüner Bluse saß und ihn ansah, ohne je zu blinzeln.

Sie sah nicht auf ihr Telefon. Sie machte keine Notizen. Sie hielt nur gelegentlich das rote Band zwischen zwei Fingern und ließ den Schlüssel langsam hin- und herpendeln wie ein Metronom, das nur er hören konnte.

„Eine Frage zur dritten Grafik", rief jemand aus Reihe zwölf.

„Ja", sagte Matthias. „Gern."

Und Veronika, hinten, hob eine Augenbraue.

Er schaffte es. Er schaffte die Antwort, den Übergang, das Fazit, und als der Applaus kam, spürte er ihn kaum. Er spürte nur, wie sein Pulsschlag seiner eigenen Disziplin hinterherlief.


Im Aufzug waren sie allein. Sie drückte den Knopf für den siebten Stock, lehnte sich gegen die Spiegelwand und betrachtete ihn.

„Dreiundvierzig Minuten", sagte sie. „Du hast kein einziges Mal auf die Uhr geschaut. Ich bin beeindruckt."

„Ich hatte keine Uhr."

„Das war meine Absicht." Sie nahm das Band vom Hals, ganz langsam, und hielt ihm den Schlüssel hin, zwischen Daumen und Zeigefinger. „Weißt du, was ich während deines Vortrags gedacht habe?"

„Nein, Herrin."

„Dass ich ihn gar nicht benutzen muss." Sie ließ ihn pendeln. „Dass es mir reicht, ihn zu haben. Dass du jede Minute da vorn gewusst hast, in wessen Hand er liegt."

Er brachte kein Wort heraus. Das Ding in ihrer Hand wog nichts und regierte trotzdem den ganzen Tag.

„Aber", fuhr sie fort, und der Aufzug hielt mit einem leisen Gong, „du warst brav. Und artige Männer bekommen irgendwann, was sie sich verdient haben." Sie trat hinaus auf den Flur, drehte sich in der Tür halb um. „Nicht sofort. Erst gehen wir essen. Du hast ja Zitrone gar nicht gebraucht."

„Das war aber knapp bei der Grafik drei."

Sie lachte, laut und warm, und zum ersten Mal an diesem Tag war es kein Spiel, sondern einfach nur sie.

Das Restaurant war ein Italiener um die Ecke. Sie bestellte für beide, und den Schlüssel trug sie den ganzen Abend an ihrer Brust, wo er im Kerzenlicht blitzte, jedes Mal, wenn sie sich vorbeugte, um ihm das Brot zu reichen.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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