
Symbolbild
Reihe: Zwischen den Reben · Teil 3 von 3Zwischen den Reben – Teil 3: Der Jahrgang
Um neun Uhr stand Anton im Weinkeller, wo die Luft so still war, dass man seinen eigenen Pulsschlag hören konnte. Auf dem Tisch lagen drei Dinge: eine Flasche ohne Etikett, ein Korkenzieher und eine Augenbinde aus dunkelblauem Leinen.
„Das ist die Prüfung?“, fragte er.
„Das ist der Anfang.“ Valeska saß auf einem Fassdeckel, die Beine übereinandergeschlagen, in einem schlichten schwarzen Kleid, das er noch nie an ihr gesehen hatte. „Du wirst mir sagen, was du schmeckst. Ohne zu sehen. Und ohne zu lügen.“
„Und wenn ich falsch liege?“
„Dann sagst du es trotzdem. Mir geht es um den Mut, nicht um die Note.“
Er ließ sich die Binde anlegen. Ihre Finger waren warm und sicher, und das Leinen roch nach Lavendel. In der Dunkelheit wurde der Keller größer, und die Geräusche rückten näher: das Tropfen der Kondensfeuchte, das Rascheln ihres Kleides, das leise Klirren, als sie die Flasche öffnete.
Das Glas fand seine Hand. Er trank.
„Rot“, sagte er langsam. „Etwas Kirsche. Und ... Holz. Aber nicht aufdringlich. Es ist, als stünde da ein alter Schrank in einem Zimmer, in dem jemand lange gelebt hat.“
„Weiter.“
„Es ist nicht perfekt. Es hat eine Kante. Aber die Kante gefällt mir.“
Sie schwieg. Er hörte, wie sie näher kam, spürte ihren Atem an seiner Wange. „Das ist der Wein, den mein Vater im letzten Jahr seines Lebens gekeltert hat“, sagte sie leise. „Ich habe ihn nie jemandem gezeigt. Er galt als zu rau.“
„Er ist nicht rau. Er ist ehrlich.“
„Ja.“ Ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Das ist er.“
Sie nahm ihm die Binde ab. Anton blinzelte im Licht der Kellerlampe, und das Erste, was er sah, war ihr Gesicht, offen, ohne Schutz, ohne Generalin.
„Valeska.“
„Sag nichts.“
„Ich muss. Achte Zeile.“
Sie lachte, überrascht. „Du benutzt meine Regel gegen mich.“
„Ich habe gelernt von der Besten.“ Er holte Luft. „Ich möchte bleiben. Nicht nur für die Probezeit. Ich möchte weiter morgens Brot holen und mir von dir sagen lassen, wo ich zu stehen habe. Und ich möchte, dass du mir auch sagst, wenn du mal nicht so stark sein willst.“
„Das ist eine ziemlich große Bedingung.“
„Es ist die einzige, die ich noch habe.“
Sie sah ihn lange an. Dann trat sie zu dem Tisch, nahm einen Stift und schrieb auf die Rückseite der Liste, direkt unter die achte Zeile. Anton beugte sich vor und las.
Neunte Zeile: Valeska sagt Anton einmal pro Woche etwas, das sie ihm nicht sagen will.
„Fängst du gleich damit an?“, fragte er.
„Ich bin kein Feigling.“ Sie legte den Stift ab. „Ich habe Angst gehabt, du würdest wieder gehen, so wie die anderen. Nach dem ersten Wochenende, nach dem zweiten Fleck. Ich habe mir eingeredet, ich bräuchte niemanden. Das war gelogen.“
„Das war gut gelogen.“
„Ich bin ja auch Generalin.“
Er lachte, und sie lachte mit, und dann zog sie ihn an der Krawatte zu sich, die er heute zum ersten Mal im Weinkeller trug, und küsste ihn, lang und fest, als wollte sie ihm einen Jahrgang einschenken.
Im Herbst zierte ein neues Etikett die erste Flasche aus dem Keller. Es zeigte einen Eimer, eine Krone aus Traubenkernen und darunter, in energischer Schrift, die sich leicht nach rechts neigte: Anton Weiß. Jahrgang des Mutes.
Er verkaufte sie nie. Er trank sie an ihrem Jahrestag, auf der Terrasse, mit Brot vom Dorf, und sie reichte ihm das Glas, bevor er darum bat.
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