
Symbolbild
Reihe: Zwischen den Reben · Teil 1 von 3Zwischen den Reben – Teil 1: Die Anzeige
Die Anzeige war in der Regionalzeitung zwischen einem Traktorverkauf und einer Todesanzeige erschienen, und Valeska hatte sie dreimal umgeschrieben. Am Ende stand da:
Weingut sucht Assistenz im Keller und im Alltag. Gesucht wird ein Mann mit ruhigen Händen, wachem Verstand und der Bereitschaft, Anweisungen auszuführen. Vorkenntnisse im Weinbau unwichtig, Humor Pflicht. Bewerbung persönlich, Donnerstag, 16 Uhr.
Sie war einundfünfzig, trug die Gummistiefel ihres verstorbenen Vaters und führte das Weingut seit zwölf Jahren so streng, dass die Pflücker sie hinter ihrem Rücken die Generalin nannten. Am Donnerstag um Punkt vier stand ein Mann im Hof, hellgraues Sakko, Stoffhose, eine Aktenmappe unter dem Arm.
„Sie sind pünktlich“, sagte sie.
„Ich bin Anton Weiß, dreiundvierzig, Steuerprüfer, und ich habe Ihre Anzeige gelesen.“ Er sah sich um: die Fässer, das Rankgitter, die Katze auf dem Mauervorsprung. „Ich habe sie viermal gelesen. Ich muss gestehen, ich habe nach dem Kleingedruckten gesucht.“
„Es gibt keins.“
„Das hat mich am meisten beunruhigt.“
Valeska musterte ihn. Gerade Haltung, wache Augen, ein Anflug von Lächeln, der sich nicht entscheiden konnte, ob er frech oder nervös war. „Kommen Sie mit.“
Der Keller war kühl und roch nach Eiche und Hefe. Sie führte ihn an den Reihen vorbei, bis zu einem massiven Holztisch, auf dem eine Karaffe, zwei Gläser und ein Blatt Papier standen. Sie schenkte ein, ohne zu fragen.
„Probieren Sie.“
Er trank, schluckte, hielt inne. „Ein Riesling. Trocken. Mit etwas ... Stein.“
„Stein ist richtig.“ Sie lehnte sich zurück. „Und jetzt zur Frage, die Sie sich seit Montag stellen: Was genau bedeutet Assistenz im Alltag?“
„Das wollte ich gerade fragen.“
„Es bedeutet, dass ich Dinge sage und Sie sie tun. Ohne Diskussion, solange wir es beide so wollen. Es bedeutet, dass ich entscheide, wann Sie kommen, wann Sie gehen und wann Sie mit mir essen.“ Sie ließ das wirken. „Es bedeutet nicht, dass ich Sie beleidige, einsperre oder in Gefahr bringe. Es gibt ein Wort, das alles stoppt, und es gilt immer.“
Anton sagte lange nichts. Dann schob er die Brille zurecht. „Darf ich Bedingungen stellen?“
„Ich bitte darum. Wer keine Bedingungen stellt, hat nicht nachgedacht.“
„Erstens: Ich brauche eine Probezeit. Zwei Wochen. Danach entscheiden wir beide neu.“
„Akzeptiert.“
„Zweitens: Mein Beruf bleibt mein Beruf. Wenn meine Abteilung ruft, gehe ich.“
„Selbstverständlich.“
„Drittens“, er räusperte sich, „möchte ich wissen, ob Sie mich auch auslachen dürfen, wenn ich etwas Dummes sage.“
Valeska sah ihn an. Zum ersten Mal an diesem Tag huschte etwas über ihr Gesicht, das beinahe Zärtlichkeit war. „Das dürfte ich nicht nur, das würde ich. Aber nur, wenn Sie danach nicht aufhören, Dummes zu sagen.“
„Das ist ein ziemlich unwiderstehliches Angebot.“
„Dann nehmen Sie es an.“
Sie schob ihm das Papier hin. Es war eine einfache Liste mit sieben Zeilen. Anton las sie, und beim vierten Punkt, Ich bringe jeden Morgen frisches Brot aus dem Dorf mit und beschwere mich nicht, musste er lachen.
„Das ist“, sagte er, „die großzügigste Arbeitsplatzbeschreibung, die ich je gelesen habe.“
„Unterschreiben Sie, und wir sehen, was Sie daraus machen.“
Er zog einen Füller aus der Tasche. Seine Hand war ruhig, und gerade dieses Ruhige gefiel ihr. Er setzte den Namen unter die Liste, und sie nahm das Blatt, als sei es ein Versprechen aus Papier.
„Morgen früh um sechs“, sagte sie. „Mit Brot.“
„Und wenn ich verschlafe?“
„Dann erfahren Sie, wie die Generalin klingt, wenn sie nicht lacht.“
Draußen auf dem Hof schlug die Dämmerung die ersten blauen Schatten zwischen die Reben. Anton blieb noch einen Moment stehen, atmete die kühle Luft ein und fragte sich, was er da gerade getan hatte.
Dann hörte er hinter sich ihre Stimme, ruhig, ohne Umweg.
„Ach, Anton. Eine Sache noch. Die Liste hat eine achte Zeile. Sie steht auf der Rückseite, und ich glaube nicht, dass Sie schon ahnen, was sie verlangt.“
Lieber jetzt am Telefon? Unter ihrer Hand Ohne Namen Anziehen nach Ansage Alle Hotlines


