Symbolbild

Switch & Paare

Wechselschritt im Tanzsaal

„Der Führende gibt den Impuls“, sagte die Tanzlehrerin, Frau Ostermann, die so aufrecht stand, dass man hinter ihr ein Lineal vermutete. „Die Folgende liest ihn. Es ist ein Gespräch ohne Worte, meine Herrschaften.“

Rieke verdrehte die Augen. Sie war siebenundvierzig, Steuerprüferin, und gewohnt, dass Leute ihr zuhörten. Volker, fünfzig, Orgelbauer, vollständig geübt darin, mit Dingen zu reden, die nicht antworteten, trat ihr zum dritten Mal auf den Fuß.

„Entschuldigung.“

„Du hast gezogen.“

„Ich habe geführt.“

„Du hast gezogen. Führen heißt: anbieten, nicht ziehen.“ Sie sagte es leiser, weil Frau Ostermann zusah, aber der Ton hatte diese Schärfe, die er zu Hause nur kannte, wenn sie ihm etwas auftrug, das er gern tat.

Er blinzelte. „Moment. Sprichst du gerade als Tänzerin oder als meine Herrin?“

„Ich spreche als Frau, die ihre Zehen behalten will.“

Sie hatten den Kurs vor sechs Wochen gebucht, als Experiment, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie beide immer wieder die Rollen tauschten und nie richtig wussten, wer gerade dran war. Zu Hause ging es nach Gefühl: mal bestimmte sie, mal er, mal keiner, und manchmal stritten sie darum, wer von beiden gehorchen durfte. Frau Ostermann hatte gesagt, im Tango gebe es keine Verwirrung, nur Klarheit, und es sei Pflicht, sie zu üben.

„Noch einmal“, rief sie. „Die Herren nehmen die Damen in den Arm.“

Volker legte die Hand auf Riekes Schulterblatt, und sie fühlte, wie etwas zwischen ihnen einrastete, eine Verabredung ohne Vertrag. Er atmete aus, und sie folgte. Er verlagerte das Gewicht, und sie war schon dort. Ein halber Schritt, ein Halten, eine Pause, in der man den Parkettlack riechen konnte.

„Besser“, sagte Frau Ostermann, ohne sie anzusehen. „Und jetzt tauschen.“

„Was?“

„Die Damen führen. Wechselschritt. Ich unterrichte moderne Paare.“

Rieke sah Volker an, und er sah sie an, und beide dachten dasselbe. Sie stellte ihre Hand auf seine Schulter, die rechte in seine, hob das Kinn. Und plötzlich war sie es, die den Raum in sich trug, die Entscheidung vor dem Schritt. Er folgte, ernst, mit geradem Rücken und geschlossenem Mund, ein Mann, der wusste, wie man ein Instrument stimmt.

„Du lässt mich warten“, flüsterte er.

„Das ist Absicht.“

„Ich weiß.“

Nach zwanzig Minuten tanzten sie ohne zu zählen. Er hatte die Augen halb geschlossen, sie die Führung wie ein Geschenk angenommen. Frau Ostermann blieb am Rand stehen, ließ das Lineal sinken und sagte nur: „So sieht es aus, wenn zwei dasselbe wollen.“

Auf dem Heimweg schwiegen sie lange. Erst an der roten Ampel sagte Volker: „Wer führt heute Abend?“

„Das hängt davon ab.“

„Wovon?“

„Wer als Erster die Tür aufschließt.“

Er lachte, schnappte die Schlüssel aus der Jackentasche und rannte los, mit dreißig Metern Vorsprung und zwei steifen Knien. Sie sah ihm nach, schlenderte die Straße entlang und ließ ihn gewinnen. Ein bisschen Verlierenlassen, dachte Rieke, gehört zum Tanzen, zum Führen und zu jeder guten Ehe.

An der Haustür wartete er, schwer atmend und stolz wie ein Schulbub. „Und jetzt?“, fragte er.

„Jetzt“, sagte sie und drückte ihm die Hand auf die Brust, „bittest du mich um den nächsten Tanz.“

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CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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