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Switch & Paare

Zwanzig Jahre und ein Umschlag

Torben fand den Umschlag unter dem Salzstreuer, kremfarben und mit Wachs gesiegelt, auf dem Frühstückstisch am zwanzigsten Hochzeitstag. Er drehte ihn um, hielt ihn gegen das Licht und sah nichts.

„Mach ihn nicht mit dem Messer auf“, rief Edda aus dem Flur. „Du zerstörst die Spannung.“

„Ich zerstöre nur das Papier.“

„Das ist dasselbe.“

Er öffnete ihn mit dem Daumen, so vorsichtig, als läge darin eine Kostbarkeit. Auf der Karte stand in Eddas runder Schrift: Heute Abend um neunzehn Uhr. Zieh das dunkle Hemd an. Du führst. Aber ich bestimme, was.

„Was soll das heißen?“, fragte er.

Edda kam in den Türrahmen, mit nassen Haaren und dem Handtuch um die Schultern, ein bisschen verlegen, ein bisschen triumphierend. Sie war achtundvierzig, Zahnärztin, eine Frau, die normalerweise Termine vergab und Pläne vorgab. „Das heißt, dass ich zwanzig Jahre lang erzählt habe, wie sehr ich es mag, wenn du mir sagst, was ich tun soll. Und dass du es nie ganz glauben wolltest.“

„Ich habe es geglaubt.“

„Du hast es höflich geglaubt.“ Sie lächelte. „Heute versuchen wir es unhöflich.“

Der Tag zog sich wie Kaugummi. Torben, einundfünfzig, Schiffsmakler, schob Papiere hin und her, ohne ein Wort zu lesen. Er kaufte Blumen und ließ sie im Auto liegen, zog dreimal das falsche Hemd an und fand um fünf vor sieben ein Blatt auf dem Bett: Wort zum Anhalten: Hochzeitstorte. Alles andere liegt bei dir.

Als sie um Punkt neunzehn Uhr ins Wohnzimmer trat, trug sie ein grünes Kleid, das er vor Jahren geliebt und nie wieder gesehen hatte. Er hatte ein Glas Wein in der Hand und das Gefühl, ein Gast in seinem eigenen Leben zu sein.

„Schön“, sagte er, und es kam krächzend heraus.

„Das war keine Anweisung.“

Er stellte das Glas ab. Atmete einmal tief. „Dann“, sagte er, und seine Stimme wurde ruhiger, „dreh dich um.“

Sie drehte sich um. Er hatte sich zwanzig Jahre lang an ihre Art gewöhnt, ihn zu lenken, mit einem Blick, mit einer Frage, die in Wahrheit ein Befehl war. Nun merkte er, dass er die Sprache längst beherrschte. Er hatte ihr nur nie zugeschaut, wie sie klang, wenn man sie sprach.

„Hände auf den Tisch“, sagte er. „Und sieh nicht zurück.“

Sie lehnte sich gegen die Tischkante, gehorsam und mit einem Zittern im Rücken, das ihn rührte. Er trat hinter sie und legte beide Hände auf ihre Schultern, ließ sie lange dort. „Weißt du, was ich an dir mag?“, fragte er.

„Sag es mir.“

„Dass du nie aufgehört hast, mich zu überraschen.“

Das Wort Hochzeitstorte fiel an diesem Abend nicht. Er hatte nie ein Gefühl von Macht gehabt, das sich so leicht anfühlte, so wie das Halten von etwas Kostbarem, das einem freiwillig gereicht wird. Er sprach, sie hörte zu, er führte, sie folgte, und am Ende der Tür, die er zuzog, stand eine Frau, die hörbar lachte.

Es war nach Mitternacht, als sie zusammen am Küchentisch saßen und tatsächlich Torte aßen, die sie heimlich bestellt hatte, mit zwei Gabeln und einer einzigen Kerze.

„Und nächstes Jahr?“, fragte er.

„Nächstes Jahr“, sagte Edda und strich ihm Sahne vom Mundwinkel, „bin ich dran. Ich habe schon einen Umschlag.“

„Was steht drin?“

„Eine Uhrzeit. Und das Wort Mitbringen.“ Sie lächelte. „Mehr verrate ich nicht.“

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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