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Switch & Paare

Paragraf neun

Es hatte mit einem Handtuch begonnen und mit einem Satz geendet, den keiner von beiden hatte sagen wollen. „Du hörst mir nie zu“, hatte Marit gesagt. „Du führst nur, wenn es dir passt“, hatte Hanno geantwortet, und dann war die Tür zugefallen, und die Wohnung war so still geworden, dass man den Kühlschrank hören konnte.

Am nächsten Morgen lag ein Zettel auf dem Küchentisch. Wir müssen reden. Ich koche Kaffee. Bitte komm. Hanno stand in der Tür, fünfundvierzig, Lehrer für Chemie an einem Gymnasium, ein Mann, der Reaktionen berechnen konnte und seine eigenen nicht, und sah seine Frau an.

„Setz dich“, sagte Marit. „Bitte.“

Sie war zweiundvierzig, Architektin, und hatte die Nacht damit verbracht, einen Grundriss zu zeichnen. Nicht von einem Haus. Von ihnen.

„Unsere Vereinbarung“, sagte sie und legte ein Blatt auf den Tisch, „hat acht Paragrafen. Wer führt, wer folgt, die Wörter, die Pausen. Es fehlt der neunte.“

„Der worüber?“

„Über das, was geschieht, wenn wir streiten und danach nicht mehr wissen, wer von uns beiden gerade wen halten darf.“ Sie atmete durch. „Ich bin gestern aus der Rolle gefallen, Hanno. Ich war nicht mehr die, die folgt, ich war nur noch wütend, und du warst nicht mehr der, der führt, du warst beleidigt. Und weil keiner das Wort für diesen Zustand hatte, haben wir einander wehgetan.“

Er schob die Brille hoch. „Ich war nicht beleidigt.“

„Du warst gekränkt.“

„Das ist eine andere Reaktionsstufe.“

Sie lächelte, und er auch, und die Luft im Raum wurde leichter. „Vorschlag“, sagte er und nahm den Bleistift. „Neun Punkt eins: Nach einem Streit gibt es kein Spiel. Keine Rolle, keine Befehle, kein Gehorchen. Wir sind einfach Marit und Hanno, bis beide sagen: Es ist wieder gut.“

„Neun Punkt zwei“, sagte sie. „Wer als Erster versöhnen möchte, schlägt es mit einem Satz vor, ohne Vorwurf. Zum Beispiel: Ich vermisse dich.“

„Neun Punkt drei: Der Tausch.“

Sie sah ihn fragend an.

„Nach einem großen Streit führt der, der ihn verschuldet hat. Aber nicht über den anderen. Sondern für ihn. Mit Kaffee, Zuhören, Fußmassage. Das Befehlen wird verlegt.“

„Das ist wunderbar.“ Sie griff über den Tisch und nahm ihm den Bleistift ab, um die Zeile in Schönschrift zu setzen. „Und wer hat gestern angefangen?“

„Ich“, sagte er. „Bei dem Handtuch.“

„Dann führst du heute.“

„Mit Kaffee, Zuhören, Fußmassage?“

„Und einem Sofa“, sagte sie. „Dazu gehört ein Sofa.“

Am Abend setzte er sie in die Ecke, schob ihr ein Kissen unter die Füße und nahm den linken in beide Hände. Er rieb den Spann, die Ferse, jeden Zeh, und sie schloss die Augen und hörte zu, wie er sprach: von der Angst, sie zu verlieren, vom Stolz, der ihm im Hals gesteckt hatte, von der Dummheit, einem Handtuch so viel Macht zu geben. Sie weinte ein bisschen, er ebenso. Und als er schließlich flüsterte „Ist es wieder gut?“, sagte sie: „Fast. Aber ich glaube, wir können es üben.“

Er sah sie an, und diesmal war das Wort für die Rolle zurück: „Dann steh auf“, sagte er, und es klang nach dem Mann, den sie liebte. „Ich habe eine Idee für Paragraf zehn.“

„Ich auch“, sagte Marit.

Später hing das Blatt am Kühlschrank, mit zwei Magneten, ohne Anlass und ohne Scham. Die neunte Zeile hatte sie rot unterstrichen: Erst versöhnen, dann spielen.

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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