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Switch & Paare

Der Karton unter dem Bett

Hannelore saugte unter dem Bett, wie sie es seit neununddreißig Jahren jeden Freitag tat, und stieß mit dem Rohr gegen etwas Hartes. Sie zog es hervor: ein Schuhkarton, mit Paketband zugeklebt und der Aufschrift Winterstiefel Größe 44, Rainers Schrift.

Rainer hatte keine Winterstiefel Größe vierundvierzig. Er trug zweiundvierzig.

Sie öffnete den Karton, setzte sich auf die Bettkante und blieb eine Weile still. Darin lagen eine Augenbinde aus Samt, ein Paar lederne Handgelenkriemen, ein Büchlein mit dem Titel Anfänge und ein Zettel in zwei Handschriften. Auf dem Zettel stand: Für den Fall, dass sie je fragt.

Am Abend servierte sie Linsensuppe, stellte den Karton neben seinen Teller und setzte sich, als wäre er ein Gast.

„Winterstiefel“, sagte sie.

Rainer, siebenundsechzig, ehemaliger Postbeamter mit lebenslang gepflegtem Ernst, ließ den Löffel sinken. Sein Gesicht durchlief mehrere Farben. „Das ist kein Beweis.“

„Dann ist es eine Spur.“ Sie nahm die Augenbinde heraus, hielt sie ins Licht. „Seit wann?“

„Seit dem Fernsehbericht vor drei Jahren.“ Er räusperte sich. „Ich dachte, falls du je neugierig wirst, wäre ich vorbereitet. Ich bin Beamter. Wir bereiten uns vor.“

Sie musste lachen, so sehr, dass sie sich an der Tischkante festhielt. „Rainer. Du hast drei Jahre lang einen Karton gehortet für den Fall, dass ich fragen könnte.“

„Wann hättest du sonst fragen sollen? Beim Frühstück?“

„Frag mich jetzt, was ich will.“

Er verstummte. Dann sagte er, sehr leise, als läse er die Zeile von einem Formular: „Was möchtest du, Hannelore?“

„Ich möchte, dass du mich verbindest“, sagte sie. „Mit der Binde. Und dass du mir sagst, was als Nächstes kommt.“

„Und danach?“

„Danach möchte ich vielleicht dasselbe mit dir tun.“

Sie sahen einander an, über Suppentellern, die kalt wurden. In der Wohnung tickte nur die Küchenuhr.

Später, im Schlafzimmer, band er ihr die Binde um, zittrig wie ein Mann, der zum ersten Mal eine Krawatte für einen Anlass bindet. „Zu fest?“, fragte er.

„Zu aufgeregt“, sagte sie. „Aber genau richtig.“

„Das Wort für Stopp?“

„Winterstiefel.“

Er lachte, kurz und erlöst. Dann sprach er, langsam und mit der Stimme, die er früher am Schalter für Einschreiben gehabt hatte, nur tiefer, nur wärmer. Er sagte ihr, wo er die Hand hinlegen würde, bevor er sie hinlegte, und was er hören wollte, bevor sie es sagte. Sie fand, es sei das Aufregendste, was ihr in einem langen Leben geschehen sei, und das Schönste daran war, dass er dabei nicht aufhörte, ihr Rainer zu sein.

Irgendwann nahm sie die Binde ab, blinzelte in die Lampe und legte sie ihm in die Hand. „Du schuldest mir eine Revanche“, sagte sie. „Nächsten Freitag. Nach dem Saugen.“

„Ich werde mir etwas ausdenken.“

„Nein. Du wirst gar nichts tun, außer vertrauen.“ Sie küsste ihn auf die Stirn. „Das ist die Aufgabe.“

Er schwieg gerührt, die Samtbinde in der Faust, und flüsterte schließlich: „Ich habe noch Handgelenkriemen.“

„Ich weiß“, sagte Hannelore. „Ich habe sie gezählt.“

Der Karton kam nie wieder unters Bett. Er bekam einen Platz im Schrank, neben dem guten Porzellan, und wenn Besuch kam, lag obenauf wirklich ein Paar Winterstiefel.

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LF
Lena Falk

Schreibt über Stimmen, Rollen und die Macht der leisen Töne. Ihre Geschichten spielen gern zwischen Büro, Telefon und später Abendstunde.

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