
Symbolbild
Fantasy & HistorischDie Bar ohne Namen, 1926
Das Passwort war Pfirsichkompott, und Isidor hatte vierzig Minuten gebraucht, um es aus einem Kellner herauszuplaudern, der am Ende gar kein Kellner war. Nun stand er vor einer Tür, die aussah wie die Rückseite einer Reinigung, und klopfte dreimal kurz, einmal lang.
Der Schlitz öffnete sich. „Passwort?“
„Pfirsichkompott.“
„Falsch“, sagte die Stimme. „Aber Sie sagen es mit Überzeugung. Treten Sie ein.“
Dahinter lag eine Welt aus Rauch, Messing und gedämpftem Gelächter. Eine Kapelle spielte, als hätte sie nur diese eine Nacht, auf dem Podium stand eine Frau in nachtschwarzem Kleid und sang mit rauchigem Alt davon, dass Treue eine Frage des Zeitpunkts sei. Isidor, achtunddreißig, Reporter beim Abendboten und seit Jahren der einzige Mensch in der Redaktion, der nie auf einer Party gewesen war, vergaß für einen Moment, warum er gekommen war.
„Sie starren“, sagte jemand neben ihm. Es war die Sängerin, die irgendwie den Weg von der Bühne gefunden hatte, ohne dass er sie kommen sah. „Das tun Journalisten gern. Ich hätte Sie in einem gestreiften Anzug erwartet, nicht in einem braunen. Wer hat Sie hergeschickt?“
„Mein Chefredakteur. Ich soll herausfinden, wo die Stadt trinkt.“
„Und, wissen Sie es jetzt?“
„Ich weiß, dass sie singt.“
„Charmant.“ Sie musterte ihn. „Rosalind. Mir gehört der Laden, dem Namen nach niemandem, also gehört er mir. Ich schlage Ihnen eine Wette vor, mein Herr. Wenn Sie verlieren, schreiben Sie nichts über diese Bar. Wenn Sie gewinnen, dürfen Sie alles schreiben, und ich lasse Sie ein Foto machen.“
„Und die Wette?“
„Sie bleiben bis zur letzten Nummer. Und Sie tun in dieser Zeit alles, was ich Ihnen mit dem Finger andeute, ohne ein einziges Mal nach dem Warum zu fragen.“
Isidor hob die Augenbrauen. Sie hielt den Blick, und plötzlich war er sicher, dass sich hinter dem Spiel ein sehr ernst gemeinter Kern verbarg, ein Gedanke, der ihn zugleich erschreckte und neugierig machte.
„Was ist, wenn ich nicht mehr möchte?“
„Dann legen Sie Ihren Hut auf den Tresen, und die Wette ist beendet, ohne Folgen, ohne Bedauern. Der Barmann sorgt dafür, dass niemand je wieder davon spricht.“ Ihre Stimme wurde sanft. „Das ist die einzige Regel, die ich nie breche.“
„Dann gilt die Wette.“
Der erste Fingerzeig galt dem Klavier. Er setzte sich daneben und blätterte Noten um, wie es ihm ein Gast mit Zigarre im Flüsterton beibrachte. Der zweite galt einem Tablett, das er durch den halben Saal trug, balancierend, mit zusammengebissenen Zähnen, während die Gäste ihm Beifall klatschten. Der dritte galt einem Stuhl neben ihrem Podium, direkt unter dem Scheinwerfer, wo er sitzen und nichts tun sollte, außer ihr zuzusehen, wie sie sang.
Er tat es. Zum ersten Mal in seinem Leben schrieb er in Gedanken keine Zeile mit. Er hörte nur, wie ihre Stimme tiefer wurde, als sie die letzte Strophe sang, und wie sie ihn bei der letzten Zeile ansah, als wäre sie an ihn gerichtet und an niemanden sonst.
Die Kapelle spielte den Schlusstakt. Das Licht erlosch bis auf eine Lampe am Tresen. Rosalind trat zu ihm, die Handschuhe in der Hand.
„Sie haben nicht ein einziges Mal gefragt, warum.“
„Ich habe es mehrmals gedacht. Aber gefragt habe ich nicht.“
„Dann dürfen Sie alles schreiben.“ Sie zog ihm den Hut vom Kopf, drehte ihn zwischen den Fingern und setzte ihn sich selbst auf, schief, mit einem Lächeln, das aus mehreren Jahrzehnten Übung bestand. „Aber das Beste steht nicht in Ihrem Notizbuch. Kommen Sie morgen wieder, und fragen Sie mich dann, was Sie fragen wollen.“
„Nur morgen?“
„Fürs Erste.“ Sie ging zur Tür und blieb im Rahmen stehen. „Das Passwort ist übrigens ab heute Nacht Isidor.“
Er stand lange allein im Halbdunkel zwischen leeren Gläsern, den Notizblock in der Hand, und brachte es nicht fertig, auch nur einen Satz hineinzuschreiben. Draußen auf der Straße fing es zu regnen an, und er lief, ohne Hut, mit einem Gesicht, das er nicht mehr unter Kontrolle hatte, dem nächsten Morgen entgegen.


