
Symbolbild
Füße & TramplingPediküre mit Vollmacht
„Ich möchte Ihnen von Anfang an sagen, dass ich ein unkomplizierter Kunde bin“, sagte Leopold Raabe und setzte sich in den Behandlungsstuhl, als wäre es ein Aufsichtsratssessel.
„Das sagen alle“, sagte Dagmar Kleist, ohne aufzusehen. „Die Unkomplizierten sind die Schlimmsten.“
Sie war zweiundfünfzig und führte seit dreißig Jahren ein Studio in der Nebenstraße vom Markt, mit Orchideen im Fenster und einer Preisliste, die sie nie änderte. Leopold war neu. Sechsundfünfzig, Geschäftsführer einer Spedition, Anzug, Manschettenknöpfe, ein Mann, der in Sitzungen sprach, als diktiere er ein Urteil. Seine Frau hatte ihm den Gutschein geschenkt, mit dem Satz: „Du hast Füße, um die sich seit Jahren niemand gekümmert hat, und ich werde das nicht länger übernehmen.“
„Ich habe um halb vier einen Termin“, sagte er.
„Nein“, sagte Dagmar freundlich. „Sie haben um halb vier einen Fuß in meiner Wanne.“
Sie tauchte seine Füße in das Wasser mit Lavendel und Salz. Er wollte widersprechen, öffnete den Mund, und sie sagte nur: „Schuhe aus, Telefon aus, Krawatte lockern. In dieser Reihenfolge.“ Er tat es. Das war das Erstaunliche: Er tat es, mit der Verblüffung eines Mannes, der dem Klang des eigenen Gehorsams lauscht.
„Wo haben Sie das gelernt?“, fragte er.
„Hauptsächlich bei Kindern und Friseuren.“ Sie hob seinen rechten Fuß aus dem Wasser, trocknete ihn ab, und er spürte ihre Hände, fest und warm, sehr genau. „Entspannen Sie die Zehen. Sie halten sie fest, als wollten Sie fliehen.“
„Das tue ich vermutlich auch.“
„Dann sagen Sie mir ehrlich, wovor.“
Er schwieg. Dann, leiser: „Davor, dass es mir gefällt.“
Dagmar sah auf. Hinter der Brille lag ein Lächeln, das nichts verriet und alles bestätigte. „Gut“, sagte sie. „Das ist ein Anfang. Ich schlage ein Geschäft vor. Eine Behandlung ist ein Vertrag auf Zeit. Sie geben mir eine Stunde Vollmacht über Ihre Füße. Ich entscheide, was passiert. Sie sagen nur ‚Stopp‘, wenn es zu viel wird, und ich höre darauf, ohne Fragen.“
„Vollmacht“, wiederholte er, als schmecke er das Wort.
„Notariell nicht beglaubigt. Aber verbindlich.“
Er nickte, einmal, wie bei einer Vertragsunterzeichnung.
Sie feilte ihm die Nägel, langsam, mit gleichmäßigem Druck, und er stellte fest, dass er die Augen geschlossen hatte. Sie rieb Öl in die Fußsohlen, knetete die Fersen, ließ die Daumen kreisen. Irgendwann stellte sie die Flasche mit dem Nagellack auf den Tisch, ein tiefes, dunkles Burgunderrot.
„Dieses hier“, sagte sie.
„Das ist ... Lack.“
„Das ist die Farbe der Verhandlung. Ihre Schuhe werden es nicht verraten, Ihre Frau wahrscheinlich nur mit einem sehr amüsierten Blick. Oder wollen Sie sich weigern?“
Er öffnete die Augen. Es war ein langer Moment. „Ich ... hatte vor, mich zu weigern.“
„Und?“
„Und ich merke, dass ich keine Lust mehr habe, ständig derjenige zu sein, der entscheidet.“ Er lachte, ein wenig verlegen. „Schicken Sie mir die Rechnung fürs Philosophieren.“
„Die ist im Preis inbegriffen.“ Sie führte den Pinsel über den ersten Nagel, ein einziger glatter Strich, und es war so zart, dass er scharf einatmete. „Stillhalten, Herr Raabe.“
„Jawohl“, sagte er, und es klang beinahe erleichtert.
Als der Lack getrocknet war, blieb er noch sitzen, die Füße in den Papierschlappen, und sah sie an wie jemand, der aus einem langen Traum erwacht. „Nächste Woche?“
„Donnerstag, vierzehn Uhr. Und diesmal“, sagte Dagmar, „kommen Sie ohne Krawatte.“


