
Symbolbild
Füße & TramplingDer Schuhschrank von Signora Bellini
Der Schuhschrank stand im Flur einer Villa am Stadtrand, und er war so groß, dass Matthias Brenner zunächst glaubte, er hätte sich in der Tür geirrt und stehe vor einer Kapelle.
„Sechzig Paar“, sagte die Hausherrin. „Dreiundsechzig, wenn man die Pantoffeln mitzählt. Ich schätze, Sie zählen sie mit.“
Er war fünfundvierzig, Gutachter für Nachlässe, und er hatte in zwanzig Jahren Gemälde, Silber und einmal einen ausgestopften Biber bewertet. Aber noch nie hatte ihn jemand so angesehen, dass er das Gefühl bekam, selbst taxiert zu werden. Viola Bellini war Anfang fünfzig, trug eine anthrazitfarbene Bluse und Seidenstrümpfe, deren Naht schnurgerade verlief, und sie stand in der Tür, als gehöre ihr nicht nur das Haus, sondern auch der Nachmittag.
„Ich soll den Schrank nur schätzen“, sagte er, „nicht die Schuhe.“
„Der Schrank ist aus Nussbaum, 1928, von meinem Großvater. Die Schuhe sind von mir.“ Sie lächelte. „Ohne die Schuhe ist er Möbel. Mit ihnen ist er Biografie.“
Das Schlimme war: Sie hatte recht. Matthias öffnete die erste Schublade und fand ein Paar Pumps aus mitternachtsblauem Satin, so schmal und makellos, dass er die Hand zurückzog, als hätte er etwas Lebendiges berührt.
„Nehmen Sie sie ruhig“, sagte Viola. „Aber mit Handschuhen. Dort liegen welche.“
Er zog die weißen Baumwollhandschuhe an, und es kam ihm vor wie eine Weihe. Er drehte den Schuh im Licht, betrachtete die Naht an der Ferse, die Sohle, die kaum je den Boden berührt hatte. „Italienisch. Fünfziger Jahre. Das Leder ist nie gerissen.“
„Weil ich es nie eilig hatte.“
Sie setzte sich auf die Bank neben dem Schrank, schlug die Beine übereinander und ließ den Fuß in der Luft kreisen, nur ein wenig. Die Naht des Strumpfes zog eine feine, dunkle Linie vom Knöchel zur Wade. Matthias bemerkte, dass er aufgehört hatte zu atmen.
„Herr Brenner. Sie schauen nicht mehr den Schuh an.“
„Ich ... bewerte die Gesamtkomposition.“
„Wie viel ist die wert?“
„Unschätzbar“, sagte er. „Das ist keine Floskel. Es ist ein Eingeständnis.“
Viola lachte, tief und warm. „Ich habe Sie hergebeten, weil ich wissen wollte, ob jemand die Dinge sieht, wie ich sie sehe. Mein Mann sah Schuhe. Ich suche jemanden, der Haltung sieht.“ Sie hielt ihm den Fuß hin, mit einer Geste, die weniger Einladung als Prüfung war. „Probieren Sie es. Sagen Sie mir, was Sie sehen.“
Er kniete sich hin, ohne zu überlegen, und es war ihm nicht einmal peinlich. Er nahm den Pumps, hielt ihn wie Aschenputtels Schuh und streifte ihn ihr behutsam über den Fuß, den Seidenstrumpf mit dem Daumen glättend. Die Naht lag perfekt.
„Eine Frau, die alles weiß“, sagte er leise. „Und trotzdem lässt sie sich einen Schuh anziehen. Das ist keine Schwäche. Das ist Souveränität.“
Viola schwieg einen Moment. Dann: „Das war die richtige Antwort.“
„Es gibt eine falsche?“
„Es gibt eine kluge, die ich schon oft gehört habe.“ Sie beugte sich vor, und ihr Parfum, Veilchen und etwas Rauchiges, umfing ihn. „Und diese hier. Ich will, dass Sie jeden Mittwoch kommen und einen Schuh nach dem anderen beschreiben. Ohne Hast. Mit Handschuhen. Mit mir darin.“
„Und das Gutachten?“
„Dauert bis Weihnachten“, sagte Signora Bellini. „Oder länger. Ich bin großzügig mit Terminen.“
Er blieb knien, bis die Uhr im Flur sechs schlug. Beim Hinausgehen, an der Tür, drehte er sich um und sagte mit rauer Stimme: „Mittwoch also.“
„Mittwoch.“ Sie hob eine Braue. „Und bringen Sie ein größeres Notizbuch mit.“


