
Symbolbild
Füße & TramplingHotelzimmer nach dem Gipfelweg
Das Hotelzimmer im Allgäu hatte Blümchenvorhänge, eine Bettdecke mit Hirschmotiv und eine freistehende Badewanne, die Sabine Wolff als Zeichen des Himmels betrachtete. Sie ließ den Rucksack fallen, setzte sich auf die Bettkante und sagte: „Ich werde nie wieder aufstehen.“
„Das sagst du seit der Hütte“, sagte Elias.
„Und es stimmt seit der Hütte.“
Neun Stunden, achthundert Höhenmeter, ein Gewitter, das sich erst im letzten Moment umentschieden hatte. Sie war achtunddreißig, Lektorin, und hatte die Wanderung ihres Lebens geplant, ohne zu bedenken, dass ihre Füße in den Schuhen eine eigene Meinung entwickeln würden. Elias, vierzig, Berufsmusiker, kniete bereits vor ihr und löste die Schnürsenkel mit ruhigen Fingern.
„Lass mich“, sagte er. „Ich habe Pläne.“
„Ich bin zu müde für Pläne.“
„Das ist das Schöne an meinen. Du musst nichts tun.“
Er zog ihr die Stiefel aus, dann die Socken, die feucht und leicht verschwitzt klebten, und legte beide Füße in seinen Schoß. Sie waren gerötet, an der Ferse zeichnete sich eine Blase ab. Er pfiff leise. „Das ist ein Kriegsschaden.“
„Das war mein heldenhafter Aufstieg.“
„Dein heldenhafter Aufstieg wird jetzt behandelt.“
Er ließ die Wanne volllaufen, kippte ein Fläschchen Kräuteröl hinein, das auf dem Regal gestanden hatte, und trug sie hinüber, wie man einen Koffer trägt, dem man Respekt entgegenbringt. Sie ließ sich ins Wasser sinken und stöhnte so laut, dass er sich verlegen räusperte.
„Hör auf, so zu stöhnen“, sagte er. „Die Wände sind aus Papier.“
„Dann sag ihnen, sie sollen wegschauen.“
Er setzte sich auf den Wannenrand, nahm ihren linken Fuß aus dem Wasser und begann, mit den Daumen die Sohle zu massieren, von der Ferse zum Ballen, jede Zehe einzeln, behutsam, mit gesammelter Aufmerksamkeit. Es war die Aufmerksamkeit, mit der er auch Geige spielte: kein Ton ausgelassen, kein Druck zu viel.
„Da“, sagte sie. „Genau da. Hör nicht auf.“
„Ich höre erst auf, wenn du es sagst.“
„Dann sage ich es nie.“
„Das ist ein sehr riskantes Versprechen.“
Sie lachte, und das Wasser schwappte. Er hielt ihren Fuß mit beiden Händen und küsste die Wölbung des Spanns, nur kurz, nur leicht, wie eine Frage. Sie hob die Augenbrauen.
„Elias.“
„Ich ... darf ich?“
„Du hast es schon getan.“
„Ich wollte es ordentlich ankündigen.“ Er sah sie an, ganz ernst, und sie sah die Erschöpfung in seinen Augen und dahinter etwas Warmes, Wachsames. „Ich möchte heute Abend deine Füße anbeten. Nicht mehr. Du lehnst dich zurück, ich bin dein ergebener Diener. Wenn du mehr willst, sagst du es. Wenn nicht, schlafen wir einfach ein.“
„Ergebener Diener“, wiederholte Sabine. „Mit Kräuteröl.“
„Und Pflaster. Ich habe Pflaster.“
„Das ist das Romantischste, was jemals jemand zu mir gesagt hat.“
Sie ließ den Kopf an den Wannenrand sinken und schloss die Augen. Draußen läuteten irgendwo Kuhglocken, ein ferner, beruhigender Klang. Er trocknete ihre Füße, einen nach dem anderen, klebte das Pflaster auf die Ferse, behutsam und gerade, und küsste den Rand des Pflasters, als müsse er es besiegeln.
Später lagen sie unter dem Hirschmotiv, ihre Füße in seinen Händen, und Sabine murmelte schon halb im Schlaf: „Morgen gehen wir nur bis zum See.“
„Nur bis zum See“, sagte Elias. „Ich trage den Rucksack. Und das Öl.“


