
Symbolbild
Füße & TramplingBarfuß auf dem Rücken
„Ich glaube, ich habe Lampenfieber“, sagte Ines und stellte sich auf den Rand der Yogamatte.
„Du trittst auf einen Menschen, nicht auf eine Bühne“, sagte Frieda vom Gartenstuhl aus. Sie war siebenundvierzig, Physiotherapeutin, und hatte sich bereit erklärt, die Aufpasserin zu spielen, mit einer Kladde auf dem Schoß wie eine Schiedsrichterin. „Bei dem Menschen handelt es sich übrigens um einen Mann, der seit zwei Wochen von nichts anderem redet.“
Jonas lag bäuchlings auf dem Boden des Wohnzimmers, auf drei übereinandergelegten Decken, das Gesicht seitlich, die Wange auf einem Kissen. Er war einundvierzig, Lehrer für Geschichte, und er grinste in den Teppich. „Ich rede von gar nichts. Ich bereite mich vor.“
„Du hast eine Liste angelegt“, sagte Ines.
„Eine Checkliste.“
„Mit Spiegelstrichen.“
Sie hatten alles besprochen, zweimal, am Küchentisch, bei Tee. Ines stand an der Wand, mit einer Hand an der Stuhllehne, so dass sie ihr Gewicht jederzeit abfangen konnte. Nur der Schulterbereich, nie die Wirbelsäule, nie der Nacken. Nur mit den Fußballen, ganz langsam, kein Hüpfen. Ein Handzeichen mit der rechten Hand für „mehr“, ein Wort für „stopp“, und das Wort war „Marzipan“, weil niemand es versehentlich sagen würde.
„Marzipan“, sagte Jonas jetzt probehalber, in den Teppich hinein.
„Nicht üben“, rief Frieda. „Sonst brechen wir ab, bevor wir angefangen haben.“
Ines atmete aus. Sie ließ den linken Fuß auf die Decke gleiten, nahm das Bein ein wenig fest an der Stuhllehne, und stellte den rechten Ballen behutsam neben sein Schulterblatt. Das Gefühl war überraschend: warm, lebendig, ein Körper, der leise atmete. Sie hob die Ferse, verlagerte ein Zehntel ihres Gewichts.
„Okay?“, fragte sie.
„Mehr als okay“, murmelte Jonas. „Du bist leichter als ein Bücherstapel.“
„Das ist ein Kompliment oder eine Beleidigung?“
„Es ist eine Beobachtung eines Geschichtslehrers. Bücherstapel haben mich schon ganz anders erwischt.“
Frieda schrieb etwas in die Kladde. „Gewichtsverlagerung bitte noch langsamer. Du bist keine Gämse.“
„Ich bin eine sehr vorsichtige Gämse“, sagte Ines, und alle drei lachten, und Jonas zitterte unter ihr vor unterdrücktem Gelächter, was sich merkwürdig schön anfühlte.
Dann wurde es ruhiger. Ines machte einen Schritt, dann noch einen, kleine, bedächtige Schritte, den Blick auf Friedas ernstes Gesicht gerichtet, das nickte. Jonas atmete tief aus, ein langes, wohliges Seufzen, in dem etwas aufging, das lange eingeklemmt gewesen war.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
„Ich fühle mich ... wie ein Teppich“, sagte er. „Ein sehr glücklicher Teppich.“
„Ein Teppich, der sprechen darf“, sagte Ines streng. „Das wird sich ändern.“
„Jawohl.“
Nach acht Minuten hob Frieda die Hand. „Das reicht für den Anfang. Absteigen, Ines. Erst ein Bein, dann das andere, am Stuhl festhalten.“
Ines trat zurück auf die Matte, die Waden zitterten ein wenig, aber sie lächelte breit. Jonas blieb liegen, ohne sich zu bewegen, wie ein Mann, der aus sehr großer Höhe gelandet ist.
„Decke drüber“, kommandierte Frieda, „Wasser, zehn Minuten Ruhe. Ich schreibe das Protokoll.“
Ines setzte sich neben ihn, legte eine Hand auf seinen Rücken, genau dorthin, wo ihr Fuß gewesen war. „Du kannst jetzt wieder sprechen.“
„Marzipan“, flüsterte er.
„Das heißt stopp.“
„Ich weiß“, sagte Jonas, und sein Lächeln war weich und müde und völlig zufrieden. „Ich wollte nur sagen, dass es das erste Mal war, dass ich es nicht gebraucht habe.“


