
Symbolbild
Switch & PaareMontag ist Rollenroulette
Das Losglas stand seit zwei Jahren auf dem Kühlschrank, ein altes Einmachglas mit Gummiring, und darin lagen zwei Sorten Zettel: gelbe für Tilda, blaue für Joost. Wer am Montagabend zuerst blind hineingriff, zog die Farbe des Abends. Gelb hieß, Tilda führte. Blau hieß, Joost.
„Ich ziehe zuerst“, sagte Tilda, vierzig, Notarzthelferin mit Nachtschichtaugen, und griff hinein.
„Du ziehst immer zuerst.“
„Weil ich es besser kann.“ Sie holte den Zettel heraus, faltete ihn auf und runzelte die Stirn. „Blau.“
Joost, einundvierzig, Tischler und von Natur aus der Mann, der Dinge reparierte statt zu befehlen, starrte sie an. „Blau heißt ich.“
„Blau heißt du.“
„Und es ist ein Montag.“
„Und ein Montag, ja.“ Sie lehnte sich an die Küchenzeile und verschränkte die Arme. „Die Regeln kennst du. Eine Stunde. Safeword bleibt Wasserwaage. Und keine Ausreden.“
Er pustete Luft durch die Lippen. In zwei Jahren hatte er das Führen gelernt wie einen Beruf, mit Fehlern, mit Pausen, mit Zetteln voller Notizen, die er heimlich in der Werkstatt schrieb. Tilda war die Geborene, wenn sie leitete, seine Sorte Hitze war langsamer. Aber sie hatten sich versprochen, nichts zu überspringen, und das Glas war ehrlich.
„Gut“, sagte er und stellte sich gerade hin, die Hände an den Hosennähten. „Setz dich.“
„Wohin?“
„Auf den Stuhl dort. Und zieh die Schuhe aus.“
Sie hob eine Braue. „Das war nicht einmal schlecht.“
„Ich bin noch nicht fertig.“ Er ging um sie herum, zweimal, mit einem Ernst, der ihm sonst nur beim Hobeln zu eigen war. „Du hast in den letzten Wochen dreimal gesagt, du hättest keine Zeit für uns. Das ist falsch. Du hast Zeit, du verteilst sie nur schlecht.“
Sie öffnete den Mund. Er hob einen Finger.
„Kein Widerspruch. Heute wird zugehört.“ Er blieb stehen, ein bisschen atemlos über sich selbst, und fügte sehr viel leiser hinzu: „Ist das okay so?“
„Frag nicht, ob es okay ist“, flüsterte sie, die Augen auf seinem Gesicht. „Sag es einfach noch einmal.“
Er lächelte, und plötzlich war er nicht mehr der Mann mit der Notizliste, sondern jemand, der verstanden hatte, was Macht an einem Abend wie diesem bedeutete: ein Geschenk, das man in beiden Händen trägt. „Du hast Zeit“, sagte er, „und du gibst sie mir jetzt. Eine Stunde, ohne Telefon.“
Sie legte das Handy in die Schale, stumm, wie man ein Schwert ablegt. „Ja“, sagte sie.
„Ja, was?“
„Ja, Herr Tischler.“
Sein Lachen platzte heraus, und sie fiel ein, und dann mussten sie sich beide an der Küchenzeile festhalten. „Das war nicht vorgesehen“, japste er.
„Das war genau vorgesehen.“ Sie wischte sich die Augen. „Weiter. Ich bin ganz Ohr.“
Er führte sie in die Stube, ließ sie sich aufs Sofa setzen und kniete sich selbst davor, was nicht im Drehbuch stand, und nahm ihre Füße in die Hände. Er rieb sie langsam, Zeh für Zeh, die Füße einer Frau, die zwölf Stunden gestanden hatte, und sprach dabei von nichts, was Befehl war, sondern von dem, was ein Führer wissen muss: wann man die Zügel hält und wann man sie fallen lässt.
Am Ende der Stunde war Tilda eingeschlafen, die Wange auf dem Kissen, die Hand in seinem Haar. Er deckte sie zu, löschte das Licht und nahm leise ein gelbes und ein blaues Los aus dem Glas.
Er legte sie in die Schublade. Nächsten Montag, entschied er, würde er wieder ganz ehrlich ziehen. Aber heute durfte das Glas ruhig einmal schwindeln.


