
Symbolbild
FKK & UrlaubLöyly am Schwarzen See
Die Hütte stand am Ende eines Schotterwegs, zwischen Kiefern, die so gerade wuchsen, als hätte jemand sie mit dem Lineal gezogen. Dahinter lag der See, schwarz und still, und am Ufer duckte sich ein kleines Holzhaus mit Rauch aus dem Schornstein.
„Das ist die Sauna“, sagte Jolanda. „Der Vermieter hat sie angeheizt. Auf dem Zettel steht, wir sollen uns Zeit nehmen.“
„Zeit habe ich“, sagte Gernot und hob die Tasche aus dem Kofferraum. „Ich habe nur keine Erfahrung.“
Er war fünfundvierzig, Orgelbauer, und hatte vor drei Jahren seine Frau verloren. Jolanda, einundvierzig, Lektorin, war seit dem Frühjahr seine Freundin. Sie hatte das Wochenende gebucht, in einer Mischung aus Mut und List, weil sie wusste, dass er sich leichter entspannte, wenn man ihm eine Aufgabe gab. Die Aufgabe hieß: Schwitzen.
Vor der Sauna lag ein kleiner Vorraum mit Haken und einer Bank. Jolanda begann, die Jacke aufzuhängen.
„Auf dem Zettel steht außerdem“, sagte sie, „dass man in Finnland in der Sauna nichts trägt. Weder Badehose noch Verlegenheit.“
„Das hat der Vermieter geschrieben?“
„Ich habe die letzten Worte ergänzt.“
Er lachte, und es klang freier als am Morgen im Auto. Sie zogen sich nacheinander aus, mit dem Rücken zueinander, aus Höflichkeit und aus Gewohnheit. Dann traten sie in die Hitze.
Das Holz roch nach Harz und Rauch. Die Luft stand, schwer und weich, und das Licht war ein schmaler, bernsteinfarbener Streifen, der durch das kleine Fenster fiel. Sie setzten sich auf die obere Bank, nebeneinander, mit einem Handbreit Abstand.
„Und jetzt?“, fragte Gernot.
„Jetzt wirft man Wasser auf die Steine.“ Jolanda griff nach der Kelle. „Das heißt Löyly. Das ist das Wort für den Dampf und die Seele, die in ihm steckt.“
„Für Dampf und Seele gleichzeitig?“
„Die Finnen sind sparsam mit Wörtern.“
Das Zischen füllte den Raum, und die Hitze rollte über sie hinweg wie eine Welle. Gernots Brille beschlug sofort, und Jolanda nahm sie ihm sanft von der Nase und legte sie auf die Bank. Er blinzelte, hilflos, und sie lachte.
„Du siehst aus wie ein Maulwurf.“
„Ein Maulwurf mit Würde.“
„Dein Wort für heute.“
Sie schwiegen eine Weile. Irgendwo in der Wand knackte das Holz. Schweiß rann ihr zwischen den Schulterblättern hinab, und sie spürte, dass er sie ansah, zart, fast verschämt, mit diesem Blick, der um Erlaubnis bat.
„Du darfst“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.
„Was darf ich?“
„Schauen. Ich schaue auch.“
Er sah sie an, und sie ihn, und es war nichts daran, was man hätte verstecken müssen. Es war nur ein Mann und eine Frau in warmem Licht, mit nassem Haar und roten Wangen, die sich zum ersten Mal ohne Eile betrachteten.
„Du bist schön“, sagte er, und es war so leise gesagt, dass der Dampf es beinahe verschluckte.
„Du auch“, sagte Jolanda. „Auf eine Orgelbauer-Art.“
Dann liefen sie über den Steg und sprangen in den See. Das Wasser war ein Schlag aus Eis, und Gernot brüllte wie ein Hirsch, und Jolanda schrie, bis ihr die Luft ausging. Als sie wieder auftauchten, prustend, klopfte der Herzschlag in den Ohren, und der Himmel war voller Sterne.
Er zog sie an der Hand zurück zum Steg, wickelte sie in ein Handtuch und küsste sie auf die nasse Stirn.
„Noch ein Durchgang?“, fragte er.
„Du lernst schnell“, sagte Jolanda. „Wir haben bis Sonntag. Das sind genug Durchgänge für eine ganze Seele.“


