
Symbolbild
FKK & UrlaubStilleregel im Bergbad
„Die Hausordnung ist eindeutig“, sagte Corinna und las vom Schild neben der Tür des Ruhebereichs ab. „Keine Gespräche. Kein Handy. Kein Textil im Saunagarten.“
„Das ist ein Hotel für Erwachsene“, sagte Jasper. „Das hast du doch ausgesucht.“
„Ich wusste nicht, dass es so ernst gemeint ist.“
Er sah sich um. Das Haus lag hoch in den Bergen, fast eine Stunde hinter dem letzten Dorf, mit einer Terrasse, auf der man den Gipfeln beim Rosigwerden zusehen konnte. Drinnen roch es nach Zirbenholz, und die Gäste glitten in weißen Bademänteln über die Flure wie freundliche Geister.
Corinna war achtunddreißig, Anästhesistin, und sprach beruflich viel in einem beruhigenden Tonfall. Jasper, vierzig, war Cellist und sprach beruflich gar nicht, wenn er spielte. Seit einem halben Jahr waren sie zusammen, und es war ihre erste Reise.
„Dann machen wir es wie im Orchester“, flüsterte er. „Wir verständigen uns durch Zeichen.“
„Du meinst, ich soll dir zunicken, wenn ich den Einsatz will?“
„Ja. Und ich hebe die Augenbraue, wenn ich ihn gebe.“
Der Ruhebereich bestand aus einem langen Raum mit Liegen, durch große Fenster mit dem Licht der Dämmerung gefüllt. Auf einer der Liegen schlief ein Mann mit Zeitung auf der Brust. In einer Ecke blätterte eine Frau lautlos in einem Buch. Corinna und Jasper nahmen zwei Liegen am Fenster, und er legte sich hin, die Hände hinter dem Kopf.
Nach zehn Minuten spürte er einen leisen Druck an der Hand. Corinnas Zeigefinger hatte sich quer über seine Handfläche gelegt und schrieb etwas. Er schloss die Augen, um besser zu fühlen.
D-U-S-C-H-N-E-R.
Er musste sich auf die Lippe beißen. Er hob die Augenbraue.
Sie nickte.
Im Saunagarten, draußen unter dem Sternenhimmel, standen zwei Holzhütten und ein warmes Becken, aus dem Dampf in die kalte Luft stieg. Die Gäste glitten stumm ins Wasser, ein halbes Dutzend Schemen mit nassem Haar. Corinna löste ihren Bademantel, legte ihn auf die Bank und stieg die Stufen hinunter, und Jasper folgte ihr, mit dem Gefühl, als würde der Berg selbst die Luft anhalten.
Im Wasser schob sie sich neben ihn, Schulter an Schulter. Sie sah zum Himmel auf, und er sah zu ihr. Ihre Haut glänzte im Dampf, die Haare klebten ihr im Nacken, und ihre Lippen bewegten sich, ohne einen Laut. Er las es ab.
Danke.
Wofür?, formte er mit dem Mund.
Dass du nichts sagst.
Er lächelte. Dann nahm er ihre Hand unter Wasser und hielt sie, ganz einfach, so wie man einen Ton hält, bis er von allein verklingt. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Irgendwo über ihnen zog ein Vogel in der Dunkelheit vorbei, und niemand im Becken sah hoch.
Es war das innigste Gespräch, das sie je geführt hatten.
Zurück im Zimmer, hinter der geschlossenen Tür, löste sich das Schweigen von allein. Corinna lehnte sich an das Holz, die Haare noch feucht, und lachte leise.
„Ich habe seit zwei Stunden kein Wort gesagt“, flüsterte sie. „Ich glaube, ich platze.“
„Dann sag eins.“
„Welches?“
„Das, das du mir die ganze Zeit mit dem Zeigefinger schreiben wolltest.“
Sie überlegte. Dann kam sie auf ihn zu, ganz langsam, und legte die Hand flach auf seine Brust.
„Bleib“, sagte sie.
Er zog sie an sich, und hinter dem Fenster erlosch das letzte Licht auf den Gipfeln.


