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FKK & Urlaub

Mitternachtsbad in der Therme

Die Therme öffnete nachts nur zweimal im Monat, für Gäste ab achtzehn, und der Eintritt stand auf einem kleinen Pappschild: Textilfreie Stunde. Bitte leise.

Almut hatte das Schild dreimal gelesen, bevor sie die Tür aufschob. Sie war einundfünfzig, Hebamme und seit Kurzem im Ruhestand, und seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie nichts mehr getan, das nur ihr gehörte. Dieses Bad gehörte nur ihr. So hatte sie es sich jedenfalls vorgenommen.

Die Wasserfläche lag unter einem klaren Himmel, dampfend, silbern, von Fackeln gesäumt. Aus dem Becken ragten Schultern und nasse Haare, Gesichter im flackernden Licht. Sie ließ den Bademantel fallen und glitt ins Wasser, bis es ihr bis zum Kinn reichte. Es war so warm, dass sie die Augen schloss.

„Almut?“

Sie öffnete sie wieder. Zwei Meter entfernt stand ein Mann im Wasser, grauer Schopf, breite Schultern, ein Gesicht, das sie über zwanzig Jahre hinweg erkannte.

„Kasimir.“

„Das gibt es nicht“, sagte er. „Das gibt es einfach nicht.“

Sie waren Kommilitonen gewesen, in einem anderen Jahrhundert, in einer Studentenwohnung in Freiburg, die nach Zigaretten und Hoffnung roch. Er hatte Medizin studiert, sie Pflege. Sie hatten sich nie gesagt, was sie dachten. Dann war er nach Hamburg gegangen, sie nach München, und von da an hatten sie sich zu Weihnachten Karten geschickt, immer kürzer, immer höflicher, bis irgendwann keine mehr kam.

„Ich habe dich gesucht“, sagte er und schob sich ein Stück näher. „Einmal. Vor zehn Jahren. Man sagte mir, du seist verheiratet.“

„Ich war es. Bis vor neun.“

„Das tut mir leid.“

„Das muss es nicht.“ Sie lächelte. Das Wasser trug ihre Arme leicht. „Und du?“

„Zwei Töchter, erwachsen, eine Scheidung, ein Hund. Der Hund ist der treueste Teil.“

Sie lachte, laut genug, dass ein Paar am Beckenrand den Kopf wandte. Dann bemerkte sie, dass sie keine Scham fühlte, weder über das Lachen noch über sich selbst. Das Wasser war undurchsichtig vor Dampf, die Fackeln malten Gold auf die Haut, und er sah sie an, als wäre sie noch dieselbe wie damals, nur besser.

„Darf ich dir etwas sagen?“, fragte er.

„Du darfst.“

„Ich habe damals gedacht, ich bin nicht gut genug für dich.“

„Ich habe damals gedacht, du siehst mich gar nicht.“

„Ich habe dich nur gesehen.“

Sie streckte die Hand aus und legte sie auf seinen Unterarm, unter Wasser, wo es warm und glatt war. Er hielt still. Ein Stern sank über ihnen in das Dunkel, und keiner von beiden sagte, dass man sich etwas wünschen konnte.

„Ich glaube“, sagte sie schließlich, „wir haben viel nachzuholen.“

„Wir haben die ganze Nacht.“

„Die Therme schließt um zwei.“

„Dann haben wir bis zwei“, sagte Kasimir, „und danach mein Hotelzimmer, in dem der Hund nicht schläft.“


Um Viertel vor zwei stiegen sie aus dem Wasser, in Bademäntel gehüllt, mit rosigen Gesichtern und schweren Gliedern. Auf dem Weg zum Ausgang blieb Almut stehen und sah noch einmal zurück auf die dampfende Fläche.

„Weißt du, was ich mir vorgenommen hatte, als ich herkam?“, sagte sie. „Dass es nur für mich sein soll.“

„Und jetzt?“

Sie nahm seine Hand, und ihre Finger fanden den alten Weg wie von selbst.

„Jetzt“, sagte sie, „darf es für zwei sein.“

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JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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