
Symbolbild
FKK & UrlaubDie Bucht ohne Namen
Am dritten Tag hörte Lutz auf, sich zu schämen. Das lag nicht an der Seekrankheit, die wich schon am zweiten, sondern an Heddas Satz beim Frühstück, im Cockpit, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.
„Du musst nicht jedes Mal rot werden, wenn der Wind mir das Hemd aufbläht.“
„Ich werde nicht rot.“
„Du bist die erste Tomate der Adria.“
Er lachte und hielt sich an der Reling fest, weil die Yacht gerade eine Welle nahm. Sie waren seit Sonntag unterwegs, von Hafen zu Hafen, zwei Menschen auf zehn Metern Plastik und Holz, und er hatte in vier Tagen mehr über Knoten gelernt als in vierundvierzig Jahren. Hedda, fünfundvierzig, Skipperin aus Leidenschaft und Zahnärztin aus Vernunft, kommandierte ihn mit einer Leichtigkeit, die ihn jedes Mal ein bisschen schwindlig machte.
„Klar zur Wende“, sagte sie jetzt. „Du steuerst.“
„Ich?“
„Du. Halt den Kurs auf die Landzunge da drüben.“
Er nahm die Pinne, und sie setzte sich hinter ihn, die Beine an seine gelegt, die Hand auf seiner Schulter. Das Boot neigte sich, das Segel spannte sich, und das Wasser zischte am Rumpf entlang, grün und durchsichtig wie Glas. Lutz spürte, wie der ganze Körper des Schiffes unter seiner Hand lebendig wurde.
„Gut so“, murmelte sie. „Langsam. Du musst es nicht erzwingen. Du musst nur zuhören.“
Am Nachmittag fanden sie die Bucht. Sie war nicht auf der Karte beschriftet, nur ein kleiner Halbkreis aus hellem Kies unter Pinien, ohne Haus, ohne Steg. Hedda ließ den Anker fallen und stellte den Motor aus. Plötzlich war es so still, dass man das Glucksen des Wassers am Heck hörte.
„Ich schlage etwas vor“, sagte sie. „In dieser Bucht ist niemand. Wir sind zwei Erwachsene mit einem Boot. Ich gehe schwimmen, und ich gehe ohne alles, weil es die schönste Art zu schwimmen ist.“
„Und ich?“
„Du bleibst an Bord und tust, was du willst. Ich frage nur: Wenn du mitkommst, dann ohne Badehose. Sonst nicht.“
Er überlegte nur kurz. Dann zog er das Hemd über den Kopf.
Das Wasser war kühl und trug sie beinahe von allein. Hedda drehte sich auf den Rücken und ließ sich treiben, die Arme ausgebreitet, den Blick in den Himmel, und er sah ihr zu, und in diesem Moment war es nicht mehr schwer, hinzusehen. Sie war schön wie ein Boot, das genau weiß, wohin es will. Er schwamm neben sie, und die Wellen hoben sie beide im gleichen Takt.
„Gefällt dir das?“, fragte sie.
„Mehr als alles, was ich je an Land getan habe.“
„Warte ab, bis du am Abend den Sonnenuntergang vom Vorschiff siehst.“
Am Abend saßen sie in Decken gewickelt auf dem Vorschiff, mit Brot, Tomaten, Ziegenkäse und einer Flasche Weißwein, die sie im Wasser kaltgehalten hatten. Die Sonne ging orange unter, dann rosa, dann in einem Violett, das es in keinem Katalog gab. Hedda lehnte sich gegen seine Brust.
„Hast du immer noch Angst vor mir?“, fragte sie.
„Ich habe großen Respekt vor dir. Das ist etwas anderes.“
„Dann fragst du mich jetzt etwas, Kapitän.“
„Darf ich dich küssen?“
„Befehl erteilt“, sagte Hedda und drehte das Gesicht zu ihm.
Die Yacht schaukelte leise am Anker, und die Bucht ohne Namen bekam in dieser Nacht doch einen: den ihren.


