Symbolbild

Öffentlich & Heimlich

Fenstersitz in Wagen vier

Der Zug nach Hannover war voll, und Thekla hatte Glück, denn Lothar hatte zwei Plätze am Fenster reserviert, gegenüber voneinander, am Tisch. Draußen glitt die Stadt in graue Vorstädte, Gärten mit Trampolinen, Schrebergartenzäune, einen Kirchturm im Dunst.

„Du hast mir gestern eine Regel versprochen“, sagte Lothar, den Blick auf die Landschaft gerichtet, „und ich warte noch.“

„Ich bin noch nicht fertig mit dem Einsteigen.“ Thekla verstaute die Tasche, setzte sich, glättete den Rock. Sie war zweiundvierzig, Lektorin, und hatte sich bei ihrer Regel gründlich Mühe gegeben. „Sie lautet: Du berührst mich nicht. Keinen Zentimeter, bis wir in Hannover aussteigen.“

Lothar sah sie an, mit der unbewegten Miene eines Pokerspielers. „Das ist die ganze Regel?“

„Das ist die ganze Regel.“ Sie lächelte. „Und ich darf dich ansehen, so lange ich will.“

„Das ist eine ziemlich unfaire Vereinbarung.“

„Sie ist freiwillig. Du kannst sie jederzeit beenden. Du brauchst nur das Wort zu sagen.“ Es war ihr Wort, schon seit Jahren: Brezel. In einem Zug nach Hannover, zwischen Wurstbrotbesitzern und Kopfhörerträgern, wäre es ihnen beiden nie versehentlich entschlüpft.

Der Zug fuhr an. Ein Schaffner kontrollierte Fahrkarten, ein Kind weinte, ein Mann am Gang telefonierte in einer Lautstärke, die jedem Gespräch ihre Würde nahm. Thekla nahm ihr Buch heraus, schlug es auf, ohne zu lesen. Unter der Tischplatte schob sie langsam einen Fuß nach vorn, bis er an Lothars Schuh stieß. Er zuckte.

„Das ist eine Berührung“, flüsterte er.

„Mein Fuß berührt deinen Schuh. Dein Schuh ist nicht du.“

„Das ist Spitzfindigkeit.“

„Das ist Lektorat.“ Sie wandte eine Seite um. „Hast du dir die Regeln auf der Rückseite gemerkt, Lothar? Ich darf, du nicht.“

Er seufzte, tief, und sie sah, wie seine Finger auf der Tischplatte trommelten, bis sie sie mit einem Blick zum Stillstand brachte. Die Hände legte er flach auf die Platte. Er war achtundvierzig, Ingenieur für Brückenstatik, und er hatte noch nie in seinem Leben so lange stillgehalten.

Zwanzig Minuten später stand sie auf, um zum Bordbistro zu gehen, und fragte beiläufig: „Möchtest du etwas?“

„Einen Kaffee.“

„Bitte?“

„Einen Kaffee, bitte, Thekla.“

„Gut.“ Sie ging an ihm vorbei, so dicht, dass der Saum ihres Rocks sein Knie streifte, und er hielt den Atem an. Als sie zurückkam, stellte sie den Becher vor ihn hin, aber ihre Fingerspitzen berührten dabei nicht einmal den Rand, nur den Pappdeckel, mit minimalem Abstand. Er sah auf ihre Hand, auf die Haut des Handgelenks, und sie ließ ihn schauen.

„Das ist grausam“, sagte er leise.

„Das ist die Regel.“

„Ich mag sie trotzdem.“

„Das habe ich gehofft.“ Sie setzte sich wieder, schlug die Beine übereinander, und der Zug fuhr durch einen Tunnel, in dessen Schwärze das Fenster zum Spiegel wurde. Sie sahen einander darin an, beide ernst, beide mit rotem Gesicht. Dann tauchten sie wieder ins Licht, und ein Feld mit Raps lag da, gelb bis zum Horizont.

Als der Zug in Hannover einlief, hatte er die Tasche längst auf dem Schoß, die Hände fest am Griff, als hielte er sich an einem Seil fest. Sie standen auf, ließen die anderen Fahrgäste vorbeigehen und warteten, bis der Gang frei war.

„Wir sind angekommen“, sagte Thekla.

„Ja.“

„Die Regel gilt bis zum Aussteigen.“ Sie trat auf den Bahnsteig hinaus, drehte sich um und streckte ihm die Hand entgegen. „Jetzt endet sie.“

Er nahm sie, hielt sie fest, länger als nötig, und über seine Schulter hinweg sah sie, dass der Mann mit dem Telefon noch immer redete, ahnungslos, ein ganz gewöhnlicher Dienstag im Rücken ihres kleinen, atemlosen Glücks.

◆
CR
Clara Reuter

Schreibt über Kontrolle, Disziplin und Autorität mit Stil. Ihre Figuren führen ruhig, genau und mit einem Lächeln.

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