
Symbolbild
Öffentlich & HeimlichTischkarten und ein leises Verbot
„Der Gast links von dir trinkt keinen Weißwein“, flüsterte Gerlinde, während sie die Servietten faltete. „Sag das nachher bitte nicht, wenn ich dir einschenke.“
„Ich schenke nie falsch ein.“
„Du hast mir im Sommer Rotwein in das Wasserglas gegossen.“
„Das war ein Missverständnis in der Sache, keine Fehlleistung im Charakter.“ Valentin, achtundvierzig, im Brotberuf Notar, lächelte schief und rückte eine Kerze zurecht. Er war nervös, und sie wusste, warum. Heute war der erste Abend, an dem sie ihr kleines Abkommen in Gesellschaft ausprobieren würden.
Es war ihre Idee gewesen, vor drei Wochen, beim Abwasch. Sie hatte gesagt: „Ich möchte, dass du mich an einem ganz normalen Abend führst. Ohne dass es jemand merkt.“ Und er hatte so lange das Spülbecken angestarrt, dass sie schon dachte, sie sei zu weit gegangen. Dann hatte er geantwortet: „Dann schreiben wir es auf.“
Die Regeln hatten sie auf die Rückseite einer Tischkarte geschrieben, die jetzt in Valentins Innentasche steckte. Eins: Wenn er sein Glas zweimal dreht, wartest du, bis er dich ansieht, bevor du weiterisst. Zwei: Wenn er den Daumen am Löffel streichelt, hörst du auf zu reden und lässt jemand anderen den Satz beenden. Drei: Wenn du Servietten zerknüllst, ist es gut. Wenn du sie glatt streichst, will ich wissen, was los ist. Und das Notwort bleibt: Pflaumenkuchen.
Es klingelte. Acht Gäste kamen, mit Wein, mit Blumen, mit Anekdoten von einer Reise nach Madeira. Gerlinde servierte die Vorspeise, ein kaltes Gurkensüppchen, das sie an einem Nachmittag viermal probiert hatte. Sie saß am Kopfende, in der dunkelgrünen Bluse, die Valentin mochte, und sah ihn zum ersten Mal an diesem Abend aus der Entfernung an, quer über den Tisch.
Er drehte sein Glas zweimal.
Sie hielt inne, den Löffel auf halbem Weg zum Mund. Das Gespräch rauschte weiter, jemand erzählte, wie man in Funchal Fisch grillte, und niemand bemerkte, dass sie wartete. Valentin sah ins Kerzenlicht, ließ sie hängen, trank, setzte das Glas ab, und erst dann hob er den Blick. Eine halbe Sekunde, nicht mehr. Aber in dieser halben Sekunde fiel etwas von ihr ab, ein Gewicht, das sie den ganzen Tag getragen hatte, und sie aß weiter, mit einem kleinen Zittern in der Hand.
Beim Hauptgang, als Doris, die Nachbarin, über ihre neue Küche sprach, begann Gerlinde, etwas zu sagen. Sein Daumen legte sich auf den Löffelstiel, strich ein Mal darüber, langsam. Sie schloss den Mund, trank einen Schluck, und Doris sagte: „Also, die Fliesen...“ Gerlinde lächelte, nickte und ließ den Satz einer anderen gehören. Die Bewegung kostete sie nichts und kostete sie alles, und sie spürte ein Prickeln bis in die Kniekehlen.
„Du bist so still heute“, sagte Doris zu ihr.
„Ich höre gern zu“, sagte Gerlinde, und diesmal war es keine Floskel.
Gegen Mitternacht, als der Nachtisch gegessen war und die ersten Gäste gähnten, stand Valentin auf, um Kaffee zu holen. Im Vorbeigehen beugte er sich zu ihr hinunter, als wolle er etwas an ihrem Teller zurechtrücken. „Wie geht es dir?“, fragte er so leise, dass nur sie es hörte.
„Besser als je zuvor“, flüsterte sie. „Mach das bitte öfter.“
„Pflaumenkuchen?“
„Nein, danke. Aber die Gäste bleiben ja noch.“
„Nicht mehr lange.“ Er richtete sich auf. „Ich habe schon Mäntel bereitgelegt. Und wenn der letzte weg ist, räumen wir nicht auf.“
„Wir räumen nicht auf?“
„Das ist Regel vier“, sagte er. „Aus dem Stegreif.“
Als die Haustür hinter dem letzten Gast ins Schloss fiel, stand das Geschirr noch auf dem Tisch, die Kerzen brannten herunter, und er nahm ihre Hand, als wäre sie aus Porzellan. „Gerlinde.“
„Ja?“
„Ich habe lange keinen so guten Abend gehabt.“
„Ich auch nicht.“ Sie lehnte die Stirn an seine Schulter, und die Serviette in ihrer Hand, die sie den ganzen Abend nicht glatt gestrichen hatte, fiel zu Boden, zerknüllt wie ein kleines, glückliches Papiertier.


