
Symbolbild
Öffentlich & HeimlichDer Zettel in der Manteltasche
Die Garderobenfrau im Theater hieß Frau Kühn und schenkte Wiebke jedes Mal ein mütterliches Lächeln, wenn sie den Mantel entgegennahm. Heute zögerte Wiebke einen Moment länger als sonst, denn an der Marke klebte eine Spur von Severins Eau de Toilette, und im Futter, wo sie sonst nur Taschentücher fand, knisterte etwas.
Sie schob die Hand hinein, noch in der Warteschlange, und zog einen gefalteten Zettel heraus, kaum größer als eine Streichholzschachtel. Sie klappte ihn auf, den Rücken zur Menge.
Zweiter Akt. Du sitzt Reihe 12, Platz 9. Du schlägst nicht die Beine übereinander, bis ich dich küsse. Kein Wort davon zu irgendjemandem. Das Spiel gilt nur zwischen uns. Wenn es dir zu viel wird, nimmst du den Programmheft-Zipfel in die Hand und knickst ihn. Dann ist Schluss, ohne Frage.
Sie las es zweimal. Ihre Wangen glühten, aber niemand sah es, denn die Frau vor ihr diskutierte mit Frau Kühn über einen verlorenen Schirm. Wiebke, dreiundvierzig, Anwältin für Mietrecht, hatte ihr Leben lang Verträge gelesen, doch keiner hatte ihr je so den Atem genommen wie dieser.
Severin stand an der Bar, ein Glas Sekt in der Hand, und sah demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung. Sie wusste, dass er sie im Spiegel beobachtete. Sie kannte ihn, den Mann, der Zahnräder konstruierte und im Alltag die Geduld eines Uhrmachers besaß, und der seit Wochen etwas ausgeheckt hatte, das er „kleine Choreografie“ nannte.
Sie ging zu ihm, ohne ihn anzusehen. „Ich habe meinen Mantel gefunden“, sagte sie leise.
„Wie schön für dich.“
„Er hatte Besuch.“
„Ach.“ Er trank. „Dann sollte man sich vorsehen.“
Mehr sagten sie nicht. Beim Hinausgehen strich er mit dem Handrücken im Vorbeigehen über ihren Ärmel, so flüchtig, dass es auch das Gedränge hätte sein können. Es war das erste Zeichen.
Reihe zwölf. Platz neun. Das Licht verlosch, der Vorhang hob sich, und im ersten Akt versuchte Wiebke, der Handlung zu folgen, aber ihre Gedanken waren bei dem Zettel in ihrer Handtasche. Neben ihr saß Severin, aufrecht, die Hände auf den Knien, wie ein Mann, der dem Stück ernsthaft folgt. In der Pause trafen sie Bekannte aus der Kanzlei, und Wiebke plauderte, lächelte, hielt ein Glas, und nur Severin sah, wie sie die Beine beim Stehen eng aneinanderpresste, die Füße exakt nebeneinander.
Er lächelte nicht einmal. Er sagte nur zu den Bekannten: „Wir müssen wieder rein. Der zweite Akt ist der beste.“
Im Dunkeln legte er ihr nach einigen Minuten die Hand aufs Knie. Mehr nicht. Eine Hand, schwer und warm, die nichts forderte, außer dass sie da war. Wiebke atmete aus, und etwas in ihr, das den ganzen Tag auf Spannung gestanden hatte, ließ langsam los. Sie hatte das Gefühl, mitten in einem Raum voller Menschen ein Geheimnis im Arm zu tragen wie ein Kind.
Die Schauspieler auf der Bühne stritten über einen Brief. Niemand im Saal wusste, dass zwei Reihen nach vorn und eine halbe Stunde zurück eine Anwältin im Dunkeln lernte, dass Gehorsam kein Mangel an Stärke war, sondern eine andere Art, sie zu zeigen.
Am Ende des zweiten Akts beugte sich Severin vor, als wolle er ihr etwas ins Ohr flüstern, und küsste sie, kurz, mitten im Beifall, ein Kuss, der in dem Rauschen unterging wie ein Tropfen im Fluss. „Jetzt“, sagte er.
Sie schlug die Beine übereinander. Sie spürte es als Erleichterung und als Versprechen zugleich.
Draußen, unter den Laternen des Vorplatzes, nahm er ihr Programmheft, entfaltete den geknickten Zipfel, den sie nie geknickt hatte, und strich ihn glatt. „Du hast ihn nicht gebraucht.“
„Nein.“ Sie hakte sich bei ihm ein. „Aber ich weiß jetzt, dass es ihn gibt.“
„Dann kann ich dich nach Hause bringen, ohne Regeln.“
„Bring mich lieber nach Hause“, sagte sie, „mit welchen du willst.“


