
Symbolbild
Öffentlich & HeimlichDer Auftrag im Saal der Stillleben
„Du darfst ihn erst im ersten Saal öffnen“, sagte Esther am Eingang des Museums und drückte ihm einen cremefarbenen Umschlag in die Hand. „Und du darfst dir nichts anmerken lassen. Wir sind zwei Menschen, die sich Bilder ansehen.“
„Das sind wir doch.“
„Du sprichst, als hättest du schon Angst.“
„Ich habe Respekt“, sagte Helmut. „Das ist etwas anderes.“
Er war siebenundvierzig, Studienrat für Geschichte, und kannte Museen als Orte, an denen man leise ist und eine Hand auf dem Rücken hält. Sie war achtundvierzig, Restauratorin, und kannte sie als Orte, an denen man sehr genau hinsieht. Seit vier Monaten hatten sie eine Abmachung, die aus beiden etwas gemacht hatte, das keiner von ihnen im Lehrplan gehabt hatte. Heute Nachmittag hatte sie sich etwas ausgedacht.
Im ersten Saal hingen Landschaften. Helmut stellte sich vor eine Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern und riss den Umschlag auf. Darin lag eine Karte, in ihrer klaren Schrift.
Aufgabe eins: Such dir ein Bild, das mir ähnlich sieht. Sag mir nicht, welches. Stell dich einfach davor und warte, bis ich neben dir stehe.
Er brauchte zwanzig Minuten und drei Säle. Dann fand er es, ein kleines Stillleben im Holzrahmen, eine Birne neben einem Messer. Er blieb stehen und tat so, als studiere er die Craquelé. Esther kam, die Hände hinter dem Rücken, und stellte sich neben ihn.
„Warum die Birne?“, murmelte sie, ohne den Kopf zu drehen.
„Weil sie aussieht, als wäre sie gleich fertig mit Warten. Und das Messer ist nur Dekoration.“
„Ist es nicht.“
„Nein“, sagte er. „Ist es nicht.“
Ein Wärter schlenderte vorbei, nickte ihnen zu, und sie nickten beide mit der Würde von Menschen, die über Firnis reden.
Die zweite Karte lag im nächsten Saal, in der Hand der Dame mit dem Fächer auf einem Porträt, und Esther hatte sie dort heute früh versteckt, in einem Winkel hinter dem Rahmen, den nur sie kannte. Dort stand:
Aufgabe zwei: Erzähl mir leise, was du heute Nacht mit deinen Händen tun wirst. Aber nur Worte, die man auch in einem Katalog finden könnte.
Er stand lange da. Er dachte an Lack und Leinen, an Pigmente, an Bindemittel. Dann sagte er, ganz beiläufig, mit dem Blick auf die Dame im Rahmen:
„Ich werde sehr sorgfältig sein. Ich werde nichts überstürzen. Und ich werde jede Schicht einzeln aufdecken, bevor ich zur nächsten gehe.“
Sie schluckte hörbar. Ihre Fingerknöchel, die den Gurt ihrer Tasche hielten, wurden weiß.
„Das“, sagte sie mit belegter Stimme, „ist eine sehr professionelle Antwort.“
„Ich habe eine sehr gute Lehrerin.“
Eine Schulklasse gab es nicht, kein Gedränge. Nur ein älteres Ehepaar im hinteren Saal, das sich über eine Schlachtenszene stritt. Niemand sah, dass Esther die Karte zerriss, die Schnipsel in die Manteltasche schob und ihm für eine Sekunde die Finger drückte, fest genug, dass es zählte.
Im Café des Hauses bestellten sie Kaffee und Apfelkuchen, und sie verkündete das Ergebnis.
„Du hast bestanden.“
„Mit Auszeichnung?“
„Mit Anmerkung.“ Sie lächelte über den Rand ihrer Tasse. „Die Anmerkung lautet, dass ich die dritte Aufgabe zu Hause stellen werde. Dort gibt es keine Aufsicht.“
Helmut legte die Gabel hin. „Ist das eine Drohung?“
„Es ist ein Stundenplan.“ Sie schob ihm das letzte Stück Kuchen zu. „Iss. Du wirst Kraft brauchen.“


