
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDie Worte, die auf dem Index stehen
„Dumm“, sagte Dorothee und legte die Karteikarte auf die linke Seite des Tisches. „Dumm geht.“
„Dumm geht“, wiederholte Samuel und schrieb es mit.
Sie saßen in ihrem Wintergarten in Freiburg, vor sich eine Kanne Pfefferminztee und einen Stapel Karteikarten, die Dorothee, fünfundvierzig, Gymnasiallehrerin für Deutsch, mit der Hingabe einer Frau beschriftet hatte, die ihr Leben lang Wörter geprüft hatte. Samuel, siebenundvierzig, Zahnarzt, war sonst der Gelassene der beiden. Heute hatte er einen blassen Fleck auf der Stirn.
„Faul?“
„Faul geht, wenn es um Kleinigkeiten geht. Nicht, wenn es sich auf meinen Beruf bezieht.“
„Fett.“
Sie sah ihn an. „Nein.“
„Sofort Nein?“
„Sofort Nein. Mit Ausrufezeichen. Das Wort kommt nie vor.“ Sie legte die Karte auf die rechte Seite, den Stapel, den sie den Index nannten. „Auch nicht als Spaß, auch nicht als Rollenspiel, auch nicht, wenn ich sage, ich will es. Dann ist es ein Test, und du sagst Nein.“
„Und dein Alter? Deine Haare?“
„Alles Index.“ Sie lächelte schief. „Mein Körper steht nicht zur Verfügung. Mein Benehmen schon.“
Samuel nickte langsam. Er hatte erwartet, dass es unromantisch wirken würde, so mit Karten, wie zwei Menschen beim Vokabelabfragen. Stattdessen merkte er, wie etwas in ihm ruhiger wurde. Er wusste jetzt, wo die Kante lag, und konnte deshalb direkt daneben tanzen.
„Und bei mir?“, fragte er.
„Du hast gesagt, ‚Versager‘ geht nicht.“
„Es geht nicht. Meine Mutter hat es zu oft gesagt.“
„Dann steht es oben auf dem Index.“ Sie schrieb es in Blockbuchstaben. „Was darf ich stattdessen?“
Er überlegte lange. „‚Lausbub‘?“
Dorothee prustete. „Lausbub.“
„Und ‚unartig‘. Und ‚ungehorsam‘. Das sind Wörter, die ich mir verdienen kann.“
„Verdienen, genau.“ Sie notierte alles. „Und danach? Wenn es vorbei ist?“
„Nachher sprichst du nicht mehr in der Rolle. Du streichst mir über den Kopf und sagst mir, was gut war.“
„Drei Sachen.“
„Drei Sachen.“
Am Abend selbst stand er im Wohnzimmer, das Hemd halb offen, und sie ging einmal um ihn herum wie eine Kunstrichterin.
„Du hast den Termin vergessen“, sagte sie. „Das ist unverzeihlich, Herr Doktor.“
„Verzeihung.“
„Verzeihung reicht nicht. Du bist ein Lausbub.“ Ihre Stimme war ein Streichholz, das man anreißt, kurz, scharf, sehr warm. „Ein ungezogener, zerstreuter Lausbub, der glaubt, dass er sich mit Charme herauswinden kann.“
Er senkte den Blick, und sie sah, wie sein Mundwinkel zuckte, wie er sich bemühte, nicht zu grinsen. Sie fragte ihn zwischendurch leise: „Farbe?“, und er antwortete „Grün“, und sie spielte weiter, so unverschämt, so zielsicher, dass er irgendwann nur noch atmete.
Der Index blieb unberührt. Sie hatte kein einziges Wort davon gebraucht.
Als es vorbei war, wickelte sie ihn in die Decke, setzte sich neben ihn und strich ihm über den Kopf.
„Erstens“, sagte sie, „hast du nicht gelacht, obwohl ich gesehen habe, wie schwer das war. Zweitens bist du stehen geblieben, als ich dich zu lange warten ließ. Drittens bist du mein Lausbub.“
„Dein Lausbub“, murmelte Samuel.
„Dein Zahnarzt-Lausbub“, korrigierte sie, und er lachte, endlich, laut und befreit.


