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Ratgeber-Geschichten

Sonntagsrunde mit Kühlschrankmagneten

Am Kühlschrank in der Wohnung von Ines und Karl hingen drei Magnete in Form von Zitronen, und unter jedem klemmte ein Zettel. Besucher hielten sie für Einkaufslisten. Es waren die Regeln der Woche.

Ines, achtundvierzig, Bauleiterin, hatte die erste geschrieben: Morgens eine Nachricht, wie es dir geht. Karl, fünfzig, Grundschullehrer, die zweite: Abends um zehn Handy weg, wir reden. Die dritte stammte von beiden gemeinsam und war auf den Zettel gekritzelt worden, nachdem sie sich lange angeschwiegen hatten: Keine Entscheidung über zweihundert Euro ohne Absprache.

„Das ist kein Protokoll“, hatte Karl damals gesagt. „Das ist eine Haushaltsordnung.“

„Es ist beides“, hatte Ines geantwortet. „Es erinnert uns daran, was wir sind, auch wenn wir gerade nicht im Spielzimmer stehen.“


Es war Sonntagabend, und die Runde begann, wie sie immer begann: mit Tee, mit Keksen aus der Dose und dem Satz „Wer fängt an?“.

„Ich“, sagte Karl. Er nahm den ersten Zettel vom Kühlschrank. „Die Morgennachricht hat diese Woche viermal geklappt.“

„Von sieben.“

„Von sieben. Dreimal war ich zu spät dran, weil der Bus Verspätung hatte.“

„Hat dich das gestört?“

Er überlegte. „Eher geärgert. Ich wollte es gut machen und habe es nicht geschafft.“

„Mich hat es nicht gestört“, sagte Ines. „Mich hat nur geärgert, dass du dich geärgert hast.“ Sie lachte. „Das ist jetzt Regel eins mit Meta-Ebene.“

„Wir könnten die Zeit lockern.“

„Bis neun statt bis sieben?“

„Bis neun.“ Er schrieb es mit Bleistift auf den Zettel, zwischen die alte Zeile und den Rand. „Versuchsweise.“

Die zweite Regel lief gut. Abends um zehn lag das Handy im Flur, und sie redeten, manchmal über Kleinigkeiten, manchmal über das, was keiner von beiden bei Tageslicht sagen wollte. Diese Woche hatte Karl an einem Abend gesagt, dass er sich in der Schule überfordert fühlte. Ines hatte ihn nur in den Arm genommen und zugehört, bis er fertig war. Es war ihre beste Stunde der Woche gewesen.

„Die behalten wir“, sagte Ines. „Unverändert.“

„Unverändert.“

Bei der dritten Regel wurde es still. Karl hatte vor drei Tagen eine Jacke gekauft, für hundertachtzig Euro, und ihr nichts davon gesagt, weil es unter der Grenze lag.

„Ich habe die Regel nicht gebrochen“, sagte er.

„Stimmt.“

„Aber?“

„Aber ich habe mich gefragt, ob die Grenze zu hoch ist. Nicht wegen der Jacke. Ich habe gemerkt, dass mir etwas fehlt, wenn du mir nichts erzählst.“

Er sah sie an. „Dann senken wir sie auf hundert.“

„Oder wir sagen, es geht uns um Dinge, die du mir zeigen möchtest, nicht um Dinge, die du melden musst.“

„Das ist schöner.“ Er nahm den Zettel, strich die Zahl durch und schrieb: Was ich dir zeigen will, zeige ich dir. Dann sah er sie an, und sie sah ihn an, und beide wussten, dass das jetzt etwas anderes war als eine Regel.

„Darf ich dir die Jacke zeigen?“, fragte er.

„Du darfst. Und danach“, sagte Ines, „darfst du sie ausziehen und dich vor mich stellen.“

Karl holte die Jacke. Das Spielzimmer wartete am Ende des Flurs, und der Tee wurde kalt. Auf dem Kühlschrank hingen die Zettel, mit Bleistift verbessert und von den Zitronen gehalten, bereit für die nächste Woche.

◆
JW
Jule Wagner

Findet das Komische im Knisternden. Ihre Geschichten haben Herz, Humor und fast immer ein bisschen Chaos.

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