
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDie Schere liegt links
„Als Erstes“, sagte Kurt, „legen wir die Schere hin.“
Er war Mitte fünfzig, hatte Hände wie Spaten und die Ruhe eines Mannes, der in zwanzig Jahren kein einziges Mal die Stimme gehoben hatte. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes lag ein Bündel Jutetau, daneben ein Paar kurze Scheren mit abgerundeter Spitze, rot lackiert, fast niedlich.
Gesine, einundvierzig, Notarzthelferin und seit Jahren neugierig auf das Thema, hob eine Augenbraue. „Wir haben noch nicht mal angefangen, und du redest vom Schneiden?“
„Eben deshalb.“ Kurt reichte ihr eine der Scheren. „Die kommt in Reichweite, bevor das erste Seil berührt wird. Jedes Mal. Nicht in die Schublade, nicht ins Nebenzimmer. Griffbereit, mit der Hand zu erreichen, auch für den, der gefesselt ist, falls das gefahrlos geht. Ein Seil, das man nicht schnell loswerden kann, ist keine Verbindung. Es ist eine Gefahr.“
Neben ihm stand Mathilda, seine Frau, die Modell spielte. Sie nickte ernst und zwinkerte dann Gesine zu. „Er sagt das jedes Mal. Ich liebe es.“
Gesines Partner Rüdiger, ein bärtiger Landvermesser, der bisher schweigend die Knoten angestarrt hatte, räusperte sich. „Und sonst? Gibt es noch mehr Regeln?“
„Vier“, sagte Kurt. „Erstens: Niemand wird allein gelassen. Auch nicht für einen Kaffee, auch nicht fürs Telefon. Wer gefesselt ist, braucht jemanden im Raum, immer. Zweitens: Wir prüfen die Durchblutung. Zwei Finger müssen unter jede Schlinge passen, und die Hände bleiben warm und rosig. Werden sie blass, kalt oder bläulich, wird gelöst.“
„Drittens?“
„Wenn die Haut kribbelt oder taub wird, sofort lockern. Nicht erst fragen, nicht erst abwägen. Kribbeln heißt: Das Seil muss ab, jetzt.“ Er hob den Zeigefinger. „Und viertens, die wichtigste: Wir reden. Immer. Frag nach, schau hin, hör zu.“
Sie übten. Gesine wickelte Rüdigers Handgelenke, locker und doch fest, und prüfte nach jeder Schlinge mit zwei Fingern. Sie fragte nach, einmal, zweimal. „Ist das gut so?“ Ihre Stimme zitterte vor Aufmerksamkeit.
„Gut“, sagte Rüdiger. „Aber an der linken Hand kribbelt es ein bisschen.“
Sofort ließ sie los. Kein Zögern, kein Zerren. Sie löste die Schlinge, rieb ihm die Finger warm und sah Kurt triumphierend an. „Habe ich es richtig gemacht?“
„Du hast es nicht nur richtig gemacht“, sagte Kurt. „Du hast genau das getan, was uns alle am Leben hält. Die meisten Unfälle passieren nicht, weil jemand einen falschen Knoten kennt, sondern weil jemand einem Kribbeln nicht glaubt.“
Dann tauschten sie. Rüdiger band Gesine, und zwar so sorgfältig, dass sie lachen musste. Er legte die Schere in Griffweite, zählte jede Schlinge laut mit und fragte alle paar Sekunden: „Warm? Rosig? Kribbelt etwas?“ Sie hatte noch nie erlebt, dass Fürsorge so aufregend sein konnte. Als sie, die Handgelenke locker verbunden, den Kopf zur Seite legte und ihm zuflüsterte, wie gut sich das anfühlte, war sein Gesicht rot bis zum Bart.
„Und wenn ich Nein sage?“, fragte sie provozierend.
„Dann bist du in drei Sekunden frei“, sagte er. „Ich habe es gestoppt. Zwei.“
Am Ende des Abends saßen sie bei Tee im Kreis, die Jutebündel aufgerollt wie schlafende Schlangen. Mathilda verteilte Kekse.
„Ich dachte, Sicherheit wäre das Unsexy daran“, sagte Gesine nachdenklich.
„Und?“
„Ich finde es das Sexyste überhaupt.“ Sie sah zu Rüdiger, der ihr verlegen die Hand hielt, die sie gerade so sorgfältig gelöst hatte. „Weil ich zum ersten Mal verstehe, warum man sich überhaupt ausliefern kann.“
Kurt lächelte, schob die kleine rote Schere zu ihr hinüber und sagte: „Behalt sie. Und leg sie links hin.“


