
Symbolbild
Ratgeber-GeschichtenDie drei Spalten für den ersten Abend
Der erste Abend sollte kein Abend werden, an dem etwas passierte, hatte Wiebke beschlossen. Er sollte ein Abend werden, an dem sie anfingen.
Sie war achtunddreißig, Buchhändlerin, und hatte monatelang Bücher über das Thema verkauft, ohne je eins davon zu öffnen. Jonas, Anfang vierzig, Physiotherapeut, hatte genauso lange so getan, als interessiere ihn das alles nur theoretisch. Dann hatte er an einem Sonntag beim Abwasch gesagt: „Ich würde es gern mal versuchen“, und sie hatte den Schwamm fallen lassen.
Nun saßen sie am Esstisch, eine Kerze zwischen sich, und vor ihnen lag ein weißes Blatt.
„Drei Spalten“, sagte Wiebke. „Ja, Vielleicht, Nein. Jeder füllt seine eigene aus, allein, und dann vergleichen wir.“
„Und wenn wir bei den Neins nichts gemeinsam haben?“
„Dann sind die Neins eben die Landkarte. Wir wollen ja wissen, wo die Ränder sind.“
Zehn Minuten lang kratzten zwei Stifte. Jonas schrieb mit zusammengebissenen Zähnen, Wiebke mit leicht geröteten Ohren. Dann tauschten sie die Blätter, und in der Stille, die folgte, war nur das Knistern des Dochts zu hören.
„Du hast ‚Augenbinde‘ bei Ja“, sagte Jonas.
„Und du bei Vielleicht.“
„Weil ich nicht weiß, ob ich dir blind trauen kann.“
„Dann ist es Vielleicht. Das ist ein ehrlicher Platz.“ Sie lächelte. „Nein bei Fesseln, nein bei allem, was Spuren hinterlässt, nein bei Fremden im Raum. Gleich bei uns beiden. Gut.“
„Und Rollen?“, fragte er. „Wer ist eigentlich wer?“
„Das probieren wir aus. Heute bin ich die, die fragt, und du bist der, der antwortet. Wenn es sich komisch anfühlt, tauschen wir. Niemand muss etwas sein, nur weil er es einmal gesagt hat.“ Sie tippte auf die Spalte mit den Vielleichts. „Die meiste Zeit werden wir hier verbringen. Das ist kein Mangel an Mut, das ist die Forschungsabteilung.“
Sie stellten drei Regeln auf, nicht auf dem Blatt, sondern laut. Erstens: Alles ist jederzeit widerrufbar, auch das, was gestern noch Ja war. Zweitens: Es gibt ein Wort, und jeder darf es sagen, auch mitten im Satz. Drittens, und das kam von Jonas: Kein Abend soll länger dauern als eine Stunde, solange sie nicht sicher sind.
„Eine Stunde?“, fragte Wiebke.
„Man bricht ein Buch auch nicht gleich in der Mitte auf. Man liest die erste Seite.“
Sie sah ihn an, und etwas an diesem Satz ließ sie wissen, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte.
„Dann fangen wir klein an“, sagte sie. „Setz dich auf den Stuhl, Jonas.“
Er setzte sich. Sie trat hinter ihn, löschte das Deckenlicht und ließ nur die Kerze brennen. Dann legte sie ihm die Hände auf die Schultern, ganz leicht, wie man jemandem sagt, dass man da ist.
„Heute passiert nur eins“, sagte sie. „Ich gebe dir einen Befehl, und du führst ihn aus. Nur einen. Und danach reden wir.“
„Welchen?“, fragte er heiser.
Sie beugte sich zu seinem Ohr. „Schließ die Augen. Und atme aus.“
Er tat es. Seine Schultern sanken, und die Stille im Zimmer wurde dicht und warm. Es war nichts geschehen. Es war alles geschehen.
Nach einer Minute, die sich anfühlte wie zehn, sagte Wiebke: „Gut so. Sehr gut.“ Sie trat vor, hockte sich vor ihn und nahm seine Hände.
„Und?“, fragte sie.
„Mehr“, sagte er und lachte unsicher. „Beim nächsten Mal. Nur nicht heute.“
„Genau das wollte ich hören.“
Sie pustete die Kerze aus, und im Dunkeln sagte keiner etwas, aber beide lächelten.


