Das Haus am See – Teil 2: Die Hausregeln
Am nächsten Morgen fand sie ihn in der Werkstatt hinter dem Haus. Die Tür stand offen, drinnen roch es nach Harz und Leinöl, und Sonne fiel in schrägen Balken auf Hobelbänke, auf Zwingen, auf einen halbfertigen Stuhl, dessen Lehne aussah wie eine Umarmung.
„Sie haben sie gelesen", sagte Matthias, ohne sich umzudrehen.
„Woher …"
„Das Malerkrepp hat sich an einer Ecke gelöst. Ich klebe es nie schief." Er legte den Hobel weg und wischte sich die Hände. „Frühstück zuerst? Oder Erklärung?"
„Erklärung."
„Kaffee?"
Sie öffnete den Mund, um ja zu sagen, und merkte, was er tat. „Darf ich bitte einen Kaffee haben?"
„Du darfst." Er sagte es leichthin, aber das Du hing im Raum wie Sägemehl im Licht. „Das ist ab jetzt übrigens so. Ich frage, ob es dir recht ist."
„Ist es."
„Gut. Dann Regel drei."
Er nahm eine Thermoskanne vom Regal, goss ein, reichte ihr den Becher. Seine Stimme blieb ruhig, fast amtlich, und gerade das machte es unmöglich, nicht zuzuhören.
„Drei: Wer etwas will, sagt es. Wer etwas nicht will, sagt es lauter. Vier: Ich entscheide nichts, was du nicht vorher erlaubt hast. Fünf: Du darfst jederzeit alles beenden, mit einem Wort. Meines ist Rotbuche, weil mir bei dem Wort nichts Unanständiges einfällt. Du suchst dir deins selbst."
Anna lachte, bis sie merkte, dass er es ernst meinte, so ernst, wie man etwas meint, das einem wichtig ist. Sie hörte auf zu lachen. „Und sechs?"
„Sechs ist die Tischlerregel. Zweimal messen, einmal schneiden. Wir haben vier Wochen. Ich habe es nicht eilig."
„Und die siebte?"
Er lehnte sich an die Hobelbank. Zum ersten Mal wirkte er einen Atemzug lang unsicher, und es stand ihm gut. „Die siebte klebe ich ab, weil sie nur gilt, wenn du sie willst. Sie lautet: Du darfst mir sagen, was ich dir sagen soll. Ein Mann in meinem Alter lernt, dass Regeln nur dann etwas wert sind, wenn die richtige Person mit hineinschreibt."
Draußen rief ein Specht. Anna drehte den warmen Becher in den Händen.
„Das Wort", sagte sie. „Ich brauche eins."
„Nimm dir Zeit."
„Fähre", sagte sie. „Ich war mal neun Jahre alt und wollte immer über einen See fahren und nie ankommen."
„Fähre", wiederholte er, als schriebe er es in Holz. „Angenommen."
Sie arbeiteten dann beide, jeder auf seiner Seite des Gartens. Anna schrieb drei Seiten, die sie nicht strich, und fürchtete sich fast davor. Gegen Mittag kam sie in die Werkstatt zurück, einen Zettel in der Hand.
„Verhandlung", sagte sie. „Schriftlich, mit Unterschrift?"
„Kaffeeflecken zählen nicht."
Sie reichte ihm das Blatt. Er las es stehend, langsam, mit der Aufmerksamkeit, mit der sie selbst Manuskripte las. Es standen drei Dinge darauf.
Ich möchte morgens nach dem Aufstehen eine Aufgabe von dir. Eine kleine.
Ich möchte, dass du mir sagst, wann ich aufhören soll zu arbeiten.
Ich möchte nicht jedes Mal denken müssen, ob ich darf.
Matthias las den letzten Satz zweimal. Dann faltete er das Papier so exakt, dass die Kanten sich trafen, und steckte es in die Brusttasche seines Hemdes.
„Das sind große Wünsche für kleine Zettel", sagte er.
„Zu viel?"
„Nein." Er sah sie an, und seine Stimme war ein wenig tiefer geworden. „Nur wichtig genug, dass ich sie nicht aus dem Handgelenk beantworte. Morgen früh, Anna. Stell den Wecker auf sechs."
„Und die Aufgabe?"
Er lächelte, dieses seltene Lächeln, das erst die Augen erreichte und dann den Mund. „Die liegt morgen vor deiner Tür. Zusammen mit deinen Schuhen."
Sie ging zurück zum Haus und hörte hinter sich den Hobel wieder anfangen, ruhig, gleichmäßig. Sie dachte: Das ist das erste Mal seit Jahren, dass ich auf morgen warte.