Nachsorge
Wenn man Clara fragte, was an ihren Abenden mit Henrik das Besondere sei, hätte sie niemals den ersten Teil genannt.
Den ersten Teil, die Regeln, die Rollen, das Spiel mit Strenge und Hingabe, mochte sie. Sie liebte ihn sogar, weil sie dabei so viel von sich zeigen konnte, was im Alltag unter Terminen und Höflichkeit lag. Aber das Besondere war das Danach.
Es begann immer gleich. Henrik, der eben noch mit ruhiger Stimme Anweisungen gegeben hatte, legte seine Rolle ab wie einen Mantel. Er holte die Decke, die nach Lavendel roch, und die Wasserflasche mit dem Zitronenstück. Er setzte sich neben sie und fragte nichts Kompliziertes.
„Wie geht's dir?"
Manchmal sagte sie „gut". Manchmal sagte sie nichts, und er wartete einfach. An diesem Abend sagte sie: „Ein bisschen wacklig."
„Das ist in Ordnung." Er zog sie an sich. „Atme mit mir. Du musst nichts erklären."
Sie lehnte den Kopf an seine Brust. Sein Herzschlag war langsam und beruhigend, wie ein Metronom, das ihr zeigte, dass alles wieder in den eigenen Takt kam.
„Hast du dich sicher gefühlt?", fragte er nach einer Weile.
„Immer." Sie dachte nach. „Das ist das Verrückte. Dass ich mich so fallen lassen kann, weil du so genau darauf achtest, dass ich nicht falle."
Er lachte leise. „Das nennt man wohl Verantwortung."
„Ich nenne es Liebe."
Er sagte nichts, aber sein Arm wurde fester um sie. Draußen begann es zu regnen, ein sachtes, gleichmäßiges Geräusch gegen das Fenster.
„Morgen früh mache ich Pfannkuchen", sagte er.
„Mit Zimt?"
„Mit Zimt."
Sie schloss die Augen. Es gibt Rollen, die man abends spielt, und Menschen, die man morgens noch immer liebt. Clara hatte beides gefunden, und es war nicht einmal ein Widerspruch.