Das Haus am See – Teil 1: Ankunft
Das Navi verlor die Geduld zwei Kilometer vor dem See, und Anna verlor sie ein paar Minuten später. Der Feldweg hatte mehr Schlaglöcher als Weg. Als das Haus endlich zwischen den Birken auftauchte, dunkles Holz, ein Dach wie ein schwerer Hut, dahinter ein Streifen Wasser, der das Abendlicht schluckte, stellte sie den Motor ab und blieb einen Moment einfach sitzen.
Achtunddreißig Jahre alt, zwölf Jahre Lektorat, ein fremdes Manuskript, das sie seit Monaten nicht losließ, und ein eigenes, das sie seit Jahren nicht beendete. Vier Wochen, hatte sie sich gesagt. Vier Wochen ohne Mails, ohne Termine, ohne Menschen.
„Sie sind pünktlich", sagte eine Stimme.
Der Mann stand an der Hausecke, die Hände in den Taschen einer verwaschenen Arbeitsjacke. Groß, ruhig, grau an den Schläfen, vierundvierzig laut Mietvertrag. Er musterte sie nicht aufdringlich, sondern genau, so wie man ein Brett betrachtet, bevor man es anfasst.
„Ich bin zwanzig Minuten zu spät", sagte Anna.
„Eben. Hier rechnet das jeder ein. Matthias." Sein Händedruck war trocken und warm, die Handflächen rau. „Ich war Tischler. Man sieht es an den Fingern, und am Haus. Hier ist kein rechter Winkel, den ich nicht selbst nachgemessen habe."
Er trug ihren Koffer ins Haus, ohne zu fragen, und zeigte ihr alles in einer Reihenfolge, die klug war: Küche mit dem schwarzen Ofen, das Zimmer unter dem Dach mit dem breiten Schreibtisch vor dem Fenster, das Bad, in dem die Wanne auf Füßen stand. Alles roch nach Holz, Wachs und altem Papier.
An der Küchentür hing ein laminiertes Blatt. Anna beugte sich vor. Hausregeln, stand dort in ordentlicher Handschrift, darunter sieben Punkte, von denen sie nur die ersten zu erkennen glaubte, weil Matthias die Hand daraufgelegt hatte.
„Das ist ein Scherz", sagte sie.
„Zur Hälfte." Er verzog keine Miene, aber in den Augenwinkeln arbeitete etwas. „Die erste ist harmlos. Schuhe bleiben an der Tür. Die zweite: Kaffee wird nicht genommen, sondern gefragt. Und die dritte …"
„Ja?"
„Ich erkläre sie Ihnen morgen. Sie sind müde, und Regeln, die man müde hört, hält man nur aus Trotz."
Er brachte sie noch bis zum Steg, weil sie fragte, ob man hier baden könne. Die Bretter waren grau und warm vom Tag, am Ende schaukelte ein Ruderboot. Das Wasser lag so still, dass die ersten Sterne darin hingen wie Nägel in dunklem Holz.
„Baden darf man", sagte er. „Ab Mai. Im September ist das eine Charakterprobe."
„Ich habe keinen Charakter, nur Termine."
„Dann sind Sie hier richtig."
Sie lachte, und es klang fremd in dieser Stille, rostig, als hätte sie es lange nicht benutzt. Er sah sie an, und sie sah, dass er es bemerkt hatte. Er sagte nichts dazu. Das gefiel ihr mehr, als es sollte.
Auf dem Rückweg stolperte sie über eine Wurzel. Seine Hand lag sofort an ihrem Ellbogen, fest und kurz, und war wieder fort, bevor sie sich bedanken konnte. Nur die Stelle blieb, warm, durch den Stoff hindurch.
„Gute Nacht, Anna", sagte er an der Tür. Es war das erste Mal, dass er ihren Namen sagte. Er sagte ihn, als wäre er etwas, das man sorgfältig behandelte.
Oben im Zimmer stellte sie die Schuhe, wie verlangt, vor die Tür, und musste über sich selbst lachen. Sie packte den Laptop aus, schrieb eine Seite und strich sie wieder. Dann ging sie, nur um Wasser zu holen, noch einmal hinunter in die Küche.
Das laminierte Blatt hing im Mondlicht an der Tür. Jetzt, da keine Hand darauf lag, las sie die ersten sechs Regeln, und sie las sie zweimal, mit leicht brennenden Ohren.
Die siebte war mit einem Streifen Malerkrepp überklebt. Darauf stand, in derselben ordentlichen Schrift: Erst, wenn du fragst.
Anna stand lange da, das Wasserglas in der Hand. Dann stellte sie es ab, ohne getrunken zu haben, und ging die Treppe hinauf, sehr langsam, als zähle sie die Stufen mit.