Dienen & Hingabe

Seidengrün und Rosmarin

Der Regen hatte gegen Abend aufgehört, doch die Straße vor dem Fenster glänzte noch, und im Wohnzimmer roch es nach Kerzenwachs und den Resten des Abendessens, Ofenkartoffeln mit Thymian. Lena, vierunddreißig, saß mit angezogenen Beinen auf dem Sofa und tat, als läse sie. Seit zehn Minuten hatte sie keine Seite umgeblättert.

Jonas stand in der Tür zum Flur. Er war siebenunddreißig, trug noch das graue Hemd von der Arbeit, die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt, und über seine Finger floss etwas Dunkelgrünes wie Wasser.

„Du hast gesagt: Freitag.“

„Ich weiß, was ich gesagt habe.“ Ihre Stimme klang rauer, als sie wollte.

„Dann sag mir das Wort noch einmal.“

„Rosmarin.“ Sie hatte es sich ausgesucht, weil es nach seiner Küche roch, nach dem Topf auf dem Fensterbrett, den er seit drei Wintern gegen jede Vernunft am Leben hielt. Ein Wort, bei dem man nichts falsch verstehen konnte.

„Und was geschieht, wenn du es sagst?“

„Dann hört alles auf. Sofort. Ohne Fragen.“

„Ohne Fragen.“ Er setzte sich auf die Kante des Couchtischs, so nah, dass ihre Knie seine berührten. „Und wenn du es nicht sagst, sondern einfach nickst?“

„Dann heißt es Ja.“

„Heißt es das?“

Sie legte das Buch beiseite. Sie nickte.

Das Tuch war Seide, schwer und kühl. Er legte es ihr zuerst nur über die Schulter und ließ sie spüren, wie der Stoff über die Haut am Hals glitt, langsam, als hätte der Abend alle Zeit der Welt. Dann faltete er es zweimal und hob es vor ihr Gesicht. Lena schloss die Augen, noch bevor es sie berührte. Der Knoten saß locker an ihrem Hinterkopf und zog nirgends in den Haaren. Die Welt wurde erst grün, dann schwarz, und die Geräusche rückten näher: das Knistern der Kerze, das Ticken der Heizung, sein Atem, der ruhiger war als ihrer.

„Zu eng?“

„Nein.“

„Sag mir, wenn sich das ändert.“

„Mach ich.“

„Gib mir deine Hände.“

Sie streckte sie ihm entgegen, die Handgelenke aneinander. Er nahm ein breites Band aus Baumwolle, weich wie ein Schal, und legte es zweimal herum, ohne zu ziehen. Dann schob er einen Finger darunter, prüfte, nahm ihn wieder weg. „Dreh die Hände. Spürst du alle Finger?“

Sie bewegte sie, einen nach dem anderen, und lächelte, weil er sie dabei beobachtete, auch wenn sie es nicht sehen konnte.

„Du könntest dich jederzeit befreien“, sagte er leise. „Das weißt du.“

„Ich weiß.“

„Gut. Dann musst du gar nichts tun.“

Es war ein merkwürdiger Satz, und er traf sie tiefer, als sie erwartet hatte. Nichts tun. Keine Mails, kein Termin, kein Gedanke an morgen. Ihre Schultern sanken ein, ohne dass sie es beschlossen hätte.

Er zog sie auf die Füße, eine Hand an ihrem Rücken, die andere unter ihren gebundenen Händen, und führte sie. Fünf Schritte bis zum Flur, sie zählte mit. Die Dielen waren kühl unter ihren nackten Sohlen, dann kam der weiche Teppich im Schlafzimmer, warm von der Heizung. Er ließ sie sich setzen. Das Bett gab unter ihr nach.

Und dann war er weg.

Sie hörte seine Schritte sich entfernen, eine Schublade, die aufglitt, dann Stille. Lena hielt den Atem an und merkte, wie laut ihr Herz geworden war. Eine Minute – vielleicht zwei. Das Warten bekam eine Beschaffenheit, es wurde dichter, je länger es dauerte; jedes Geräusch im Haus gehörte plötzlich zu ihm, jeder Luftzug war eine mögliche Berührung. Ihre Haut wurde aufmerksam, bis in die Fingerspitzen, bis in die Kniekehlen.

„Jonas?“, flüsterte sie.

„Hier.“ Seine Stimme kam von links, näher, als sie gedacht hatte. „Ich schaue dich nur an.“

„Das ist unfair.“

„Das ist Absicht.“

Dann spürte sie ihn: erst nur einen Hauch auf der Innenseite ihres Unterarms, warmen Atem, der sich langsam zum Ellbogen vorarbeitete. Dann eine Fingerkuppe, die denselben Weg ging, so leicht, dass sie nicht sicher war, ob sie es sich einbildete. Er zeichnete Linien, die sie nicht lesen konnte, über ihr Schlüsselbein, hinter das Ohr, in den Nacken, wo ihr ein Schauer den Rücken hinablief und sich in den Händen verfing, die sie gar nicht bewegen wollte.

„Trink.“ Ein Glas, kühl an der Unterlippe, ein Schluck Wasser, der nach nichts schmeckte und nach allem. „Wie geht es dir?“

„Gut. Sehr gut. Mehr.“

„Das war ein Wunsch“, sagte er, und sie hörte das Lächeln. „Wünsche sind erlaubt. Ob sie erfüllt werden, entscheide ich.“

Er ließ sie warten. Er ließ sie bitten. Als sie es tat, leise, mit einer Stimme, die sie von sich nicht kannte, küsste er sie, endlich, lang und ruhig, und alles Weitere verlor seine Reihenfolge. Es gab seine Hände, die nicht mehr zögerten, den Stoff, der von ihren Schultern glitt, seinen Mund an ihrem Hals, das Gewicht, das sich zu ihr senkte, und irgendwo darunter ihren eigenen Atem, der in Wellen kam und ging. Zweimal fragte er flüsternd, ob alles stimmte, und zweimal sagte sie Ja, mit dem ganzen Körper. Das Wort blieb, wo es war: bereit, unausgesprochen, ein Geländer, an dem sie sich nicht festhalten musste, weil sie wusste, dass es da war. Dann kam eine Welle, die sie nicht mehr aufhalten wollte, und die Dunkelheit hinter dem Tuch wurde weiß.

Später lag sie unter der Decke, das Tuch war ab, das Band auch, und die Kerze, die er irgendwann hereingeholt hatte, malte warme Flecken an die Zimmerdecke. Jonas saß am Bettrand und rieb ihre Handgelenke, eines nach dem anderen, obwohl nicht die kleinste Spur zu sehen war.

„Du musst nicht nachsehen“, sagte sie.

„Doch. Muss ich.“

„Ich habe das Wort gar nicht gebraucht.“

„Ich weiß. Aber ich wollte, dass du es die ganze Zeit in der Tasche hast.“

Sie lachte, noch etwas atemlos. „Das hat funktioniert.“

Er reichte ihr eine Tasse Tee, und sie schob sich hoch und lehnte sich an seine Schulter. Aus der Küche zog der Duft von Rosmarin herüber, harzig und grün. Draußen fing es wieder leise zu regnen an.

„Nächsten Freitag?“, fragte er.

„Frag mich morgen beim Frühstück“, sagte sie. „Aber ich glaube, du kennst die Antwort schon.“

Sie blieben so sitzen, bis der Tee kalt war und die Kerze niedergebrannt, und keiner von beiden hatte es eilig.

Ende

Draußen tobt das Gewitter, drinnen führt Mara. Tobias liegt mit verbundenen Augen da und weiß nicht, was als Nächstes kommt.

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MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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