Das Haus am See – Teil 3: Gewitter
Die Aufgaben waren klein, und sie wirkten gewaltig.
Heute frühstückst du ohne Laptop, am Fenster, und siehst eine Viertelstunde lang nur auf den See. Der Zettel lag am ersten Morgen vor der Tür, unter einem Hobelspan, der nach frischem Holz roch. Heute schreibst du bis zwölf und hörst dann auf, auch mitten im Satz. Das war das Schwerste, aber sie hörte auf, und der abgebrochene Satz wanderte den ganzen Nachmittag mit ihr herum und wurde dabei besser. Heute fragst du, bevor du dir den Tee nimmst. Laut. Und siehst mich dabei an.
Es war ein Spiel, aber nicht nur. Sie merkte, wie es sich in ihr verschob: dass Erlaubnis sich nicht eng anfühlte, sondern weit. Dass jemand, der genau hinsah, ihr den Raum abnahm, den sie sich sonst ständig selbst zuteilen musste. Er berührte sie selten, ein Handrücken an der Schulter, ein Daumen, der einen Moment an ihrem Handgelenk lag. Jedes Mal fragte er vorher, mit dem Blick, dann mit dem Wort. Darf ich? Und sie sagte, mit jedem Mal leiser und sicherer: Ja.
In der dritten Woche zog das Gewitter auf.
Der Himmel über dem See wurde violett, die Luft schwer wie nasses Tuch. Anna saß am Schreibtisch, als der erste Donner kam, tief und lang, als rolle jemand ein Fass durch den Himmel. Das Licht flackerte. Dann war es dunkel, und das ganze Haus hielt den Atem an.
Sie tastete sich nach unten. In der Küche brannte schon eine Petroleumlampe, und Matthias stand am Fenster, eine Silhouette vor den Blitzen.
„Der Strom ist weg", sagte er. „Kommt vom Mast an der Straße. Morgen früh wieder da, vielleicht."
„Dann haben wir ein Problem."
„Wir haben Kerzen, Brot und einen Ofen." Er drehte sich um. „Setz dich. Du zitterst."
„Ich zittere nicht wegen des Gewitters."
Es war heraus, bevor sie es aufhalten konnte. Das Fenster erhellte sich weiß, der Donner folgte gleich darauf, so nah, dass die Gläser im Schrank klirrten. Matthias bewegte sich nicht. Er stand nur da, die Lampe auf dem Tisch, und wartete, wie er immer wartete.
„Sondern?", fragte er leise.
Sie setzte sich, weil ihre Knie es verlangten. Sie hatte in drei Wochen sehr genau gelernt, wie man sagt, was man will. Jetzt musste sie es tun.
„Ich möchte, dass du mir sagst, was ich tun soll", sagte sie. „Nicht als Aufgabe auf einem Zettel. Heute Abend. Hier. Und ich möchte, dass du nahe bist, wenn du es sagst."
Er kam um den Tisch herum. Er blieb vor ihr stehen und hockte sich dann hin, sodass sie auf einer Höhe waren, und legte die Hände auf die Knie, wie jemand, der ausdrücklich nichts nimmt.
„Sag das Wort", sagte er.
„Fähre."
„Und was passiert, wenn du es sagst?"
„Du hörst auf. Sofort. Du fragst nichts und bist nicht beleidigt."
„Und wenn du es nicht sagst?"
„Dann bleibe ich."
Er nickte langsam. Draußen schüttete der Regen gegen die Scheiben. „Dann hör zu, Anna. Heute Abend ist nur das hier: Du sitzt an diesem Tisch und isst, was ich dir hinstelle. Du schaust mich an, wenn ich dich anspreche. Und du sagst mir, ob dir etwas zu viel wird. Mehr nicht."
„Das ist alles?"
„Das ist der Anfang." Er stand auf, und seine Hand fuhr kurz, kaum spürbar, über ihr Haar. „Ich habe noch nie in meinem Leben so lange gebraucht, um einen Abend zu planen. Ich möchte ihn nicht verderben, indem ich zu schnell bin."
Er schnitt das Brot und briet Eier, und sie sah ihm zu, im goldenen Licht der Lampe, und aß, was er ihr hinstellte. Beim dritten Bissen merkte sie, dass sie nicht mehr zitterte. Beim vierten dachte sie: Hier ist es sicher. Das ist das Seltsamste, was ich je gedacht habe, und das Wahrste.
Als der Donner sich zum Rand des Himmels verzog, legte er zwei Wolldecken aufs Sofa in der Stube und blieb mit ihr dort sitzen, schweigend, bis ihr Kopf an seiner Schulter lag. Er fragte, bevor er den Arm um sie legte. Sie sagte: „Ja."
„Anna?", sagte er irgendwann, ganz leise.
„Mmh?"
„Sonntag koche ich. Richtig. In der Küche, an diesem Tisch. Und dann sprechen wir über alles, was ich dir bis dahin nicht gesagt habe."
Sie schlief ein, bevor sie antworten konnte. Aber ihre Hand lag in seiner, und sie hatte sie nicht zurückgezogen.