Symbolbild

Spanking & Disziplin

Zugzwang im Hinterzimmer

Hedwig hatte vierzig Jahre lang Schachturniere gewonnen, bevor sie Justus begegnete, der im Vereinsheim immer hinten am Fenster saß und seine Figuren behandelte wie Gäste, denen man das Beste gönnt. Er war einundsechzig, pensionierter Bibliothekar, und er verlor gern. Das war das Rätselhafte an ihm, und es hatte sie ein Jahr lang beschäftigt.

„Du opferst die Dame“, sagte sie nun, im Wohnzimmer, über dem Brett zwischen ihnen. „Warum opferst du die Dame?“

„Ich dachte, das gehört sich so“, sagte Justus.

„Nein. Es gehört sich, die Dame zu schützen. Das ist die ganze Kunst.“ Sie lehnte sich zurück und musterte ihn über den Brillenrand. „Du verlierst absichtlich.“

„Das würde ich nie.“

„Justus.“

„Gut. Vielleicht ein bisschen.“

Hedwig, dreiundsechzig, Gymnastiklehrerin im Ruhestand mit einem Rücken wie ein Lineal, nahm den Schlüsselbund vom Haken und klimperte damit. Auf dem Regal stand ein schmales Buch mit Leinenrücken, das von außen aussah wie eine Eröffnungstheorie. Darin standen die Hausregeln.

„Regel elf“, sagte sie. „Wer im Spiel nicht sein Bestes gibt, um etwas anderes zu erreichen, zahlt dafür.“

„Das habe ich nie unterschrieben.“

„Du hast hier gestanden und genickt. Das war notariell genug.“ Sie klappte das Buch auf. „Der Eintrag lautet: Eine Dame ohne Not geopfert, Verdacht auf Absicht. Dazu: nicht zum ersten Mal.“

„Ich bestreite alles.“

„Das ist Regel zwölf. Auch die kostet.“

Er lachte, tief und warm, und stand auf. Sie sah ihm zu, wie er die Schultern ordnete, das Jackett über den Stuhl hängte und die Brille in die Brusttasche steckte. Man sah ihm an, dass dies der Moment war, auf den der ganze Abend angelegt gewesen war.

„Safeword?“, fragte sie.

„Rochade.“

„Wie fantasielos.“ Sie klopfte aufs Sofapolster. „Komm her.“

Er kam. Sie schob ein Kissen unter seine Hüfte, ordnete den Stoff mit der Gründlichkeit, die sie sonst Turnmatten angedeihen ließ, und legte die Hand auf. „Wir machen es wie im Endspiel. Zug um Zug, und keiner redet dazwischen.“

Der erste Hieb kam fest und trocken, ein Geräusch wie ein umgelegter König. Justus zog Luft ein, und sie zählte: „Eins. Zwei.“ Beim vierten fing er an, die Zehen zu krümmen, beim siebten sagte er leise ihren Namen, und sie unterbrach ihn nicht, weil es kein Verstoß war, sondern ein Geständnis. „Zehn“, sagte sie, und die Hand blieb liegen, warm und still.

„Das war die Dame“, sagte sie. „Die Absicht kommt nächstes Mal dran, falls es ein nächstes Mal gibt.“

„Es gibt eins“, murmelte er in das Kissen.

„Das dachte ich.“

Sie ließ ihn liegen, bis er wieder gleichmäßig atmete, deckte ihn mit der karierten Wolldecke zu und brachte ihm Kamillentee mit einem Löffel Honig. Er setzte sich langsam auf, vorsichtig wie ein Mann auf dünnem Eis, und sie lachte und schob ihm das Kissen unter.

„Und jetzt?“, fragte er.

„Jetzt spielen wir die Partie zu Ende.“ Sie stellte die Figuren zurück, genau dorthin, wo sie vor dem Opfer gestanden hatten. „Und diesmal gibst du dein Bestes, sonst muss ich mir eine neue Regel einfallen lassen.“

„Regel dreizehn?“

„Die ist schon geschrieben.“ Sie schob den ersten Bauern. „Du wirst sie lieben.“

Er gewann übrigens nicht. Aber er verlor mit so viel Anstand und so viel Glut in den Augen, dass sie den Abend später selbst als Remis verbuchte.

◆
MS
Mira Sommer

Erzählt von Vertrauen, Geduld und dem Moment, in dem aus Neugier Hingabe wird. Warm, genau und mit Sinn für Details.

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